Tagebuch und Skizzenbuch war der Plan. Besser Skizzenbuch.
Vergangenheit tut mir nicht gut. Also kommt Erzählen im klassischen Sinn für mich nicht in Frage. – Denn Erzählen im klassischen Sinn ist immer in der Vergangenheit. – Meine Vorstellung von einem anderen Erzählen: Im Präsens. Aktion in der Gegenwart. – Jahrelang als Idee verfolgt. Keinen Ansatz dafür gefunden. Bis ich die Liebesgeschichte mit der Frau von gegenüber im Blog erzählt habe. Da war es, das Erzählen im Präsens, und das Erzählen war eine Aktion. – Zu Ende erzählt. Aus der Liebe ist nichts geworden. Aber schreiberisch hat es geklappt. Es hat sich gezeigt, dass es geht und wie es geht.
Gesucht eine neue Schreib- und Erzählaktion. – Um mich muss es dabei nicht gehen. Ich bin nicht interessant. Mir nicht interessant genug. Als der Liebende, der ich zwei Jahre lang war, habe ich mich überrascht und in Staunen versetzt. Jetzt bin ich nur mehr der, der ich immer war. Nur älter geworden und die Lebensmüdigkeit ist zurück, die ich – wann war das? – vor drei, vier Jahren schon einmal empfunden habe. Damals war ich verwundert darüber, dass mir so etwas passiert. Jetzt ist es nichts Neues mehr. So ist das eben, wenn es nichts gibt, was einen im Leben hält, nichts wofür sich die Anstrengung lohnt, sich mit dem materiellen Elend rumzuschlagen. Es interessiert mich nicht. Deshalb ist aus mir auch nichts geworden. Deshalb jetzt das Elend. – Ist das das neue Ziel für das präsentische Erzählen? Die neue Aktion? Am Leben bleiben. – Ich würde lieber für jemanden anderen etwas tun und darüber präsentisch schreiben. Aber da es so jemanden nicht gibt und nichts, wofür ich mich einsetzen kann, bleibt nur: am Leben bleiben. Mit dem erhöhten Schwierigkeitsgrad, dass es keinen einleuchtenden Grund dafür gibt. Das macht es aber auch schon wieder interessant. Denn dann ist es reiner Selbstzweck. Frei(willig). Autonom. Acte gratuit. Eigentlich Jux und Dollerei. L´art pour l´art. Also Kunst. Alles ist möglich. Vorneweg die alte Hülle zurück lassen. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, dann läge die zerschmettert auf einem Bürgersteig (wie gut, dass sie hier noch keine Netze spannen an den hohen Häusern, um die Selbstmörder am Runterspringen zu hindern wie in Shenzen). Vorstellung, dass aus der zerbrochenen blutigen Hülle steigt so etwas wie meine von der Hülle, also von mir befreite Seele, und die ist nun unterwegs als ein Wiedergänger meiner selbst. – Rollenspiel. Ist das die Rolle, die ich gesucht habe? – Tag, Moment, wenn ich springe: Vorne raus auf das Trottoir. Hinten raus ist zu riskant. Im Hof steht die Laterne. Kann ich die von oben sehen vor dem Sprung? Kann ich an der vorbeispringen, so dass ich nicht von ihr aufgespießt werde, mein Fall zugleich abgebremst wird und ich nicht tot, sondern nur zum Schreien schwer verletzt bin? Nichts ist einfach in meinem Leben. Nicht einmal jetzt. – Deshalb lieber vorne raus springen, vom Dach mich fallen lassen auf das Trottoir. Auch da weiß ich nicht, ob ich das Ziel einsehen kann. Ob ich sicherstellen kann, dass, wenn ich springe, nicht gerade jemand vorübergeht, den ich mit meinem Körper, genannt Hülle, erschlage. Aber das ist mir egal. Wenn es ein Kind ist, dann ist es mir nicht egal. Also für den Sprung eine Tageszeit wählen, in der die Kinder in der Schule oder im Kindergarten sind oder schlafen. Hundertprozentig sicher ist das aber auch nicht. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Nicht einmal in einem solchen Moment. Nichts in meinem Leben ist einfach. Nicht einmal jetzt. Wird schon gut gehen und dann ist es vorbei. Ist doch nur eine poetische Aktion zur Befreiung meiner Seele. – Und was mache ich mit der jetzt?
Als ich zum ersten Mal lebensmüde war und durchgedacht habe, wie ich mich umbringen könnte, bin ich darauf gekommen, dass alles Wichtige, was ich gemacht habe in meinem Leben beim ersten Mal nicht geklappt hat. Slow learner bin ich. Alles, was ich mache, klappt immer erst beim zweiten oder dritten Versuch. So wird es auch gehen, wenn ich mich umbringe. Beim ersten Mal wird es nicht klappen. Aber was, wenn ich nach dem ersten Versuch so beschädigt bin, dass ich mich danach nicht mehr selbständig bewegen kann? Dann gibt es keinen zweiten Versuch. – Konsequenz: Da ich ein slow learner bin und damit rechnen muss, dass mein erster Selbstmordversuch misslingt, so misslingen könnte, dass ich keinen zweiten habe, deshalb ist für mich Selbstmord keine Option und ich muss nie wieder darüber nachdenken. – Da habe ich mich über mich selbst lachen müssen, nachdem ich das gedacht hatte. Von diesem Gedanken-Slapstick habe ich die Vorstellung von Bewusstseinskomödie abgeleitet, die ich seither verfolge. – Jetzt wieder lebensmüde. Das mit dem slow learner vergessen, eben erst mich wieder daran erinnert. Vorher die Idee, meinen Selbstmord zu setzen als poetische Hypothese: meine Hülle, meine Existenz, der ganze verschissene Lebensentwurf liegt zerschmettert am Trottoir und zurückbleibt meine Seele, die nun genau so wenig anzufangen weiß mit sich selbst wie ich, und deshalb Leben um des Lebens willen als l´art pour l´art macht. Sie könnte auch Patiencen legen den ganzen Tag. Aber das ist ihr zu langweilig. Also l`art pour l´art.
Falls die Vorstellung vom Springen als abgeschmackt empfunden wird: ich habe sie nur in diesem Text gebraucht, sonst brauche ich sie im Grunde nicht für den Entwurf meines Lebens als l´art pour l´art. Und die Rede vom l´art pour l´art ist auch nur eine Arabeske für etwas, das ich schon seit längerem weiß: dass mein einziger Daseinszweck das Schreiben ist. Das aber muss ich mir leisten können. Womit ich wieder beim Elend bin.
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