Nach der Vernissage bei Gondwana Anruf bei einer von Peters Witwen. Vier Witwen. Die Skype-Gespenster. Die Frauen aus der Vergangenheit, mit denen er über Skype täglich telefoniert hat, und ab und zu kam eine von ihnen zu ihm nach Berlin aus Australien, Ecuador, Wien oder Karlsruhe und dann war es ein paar Tage lang wie einst, als sie ein Liebespaar waren. Da war Peter stolz drauf, da hat er ebenso oft davon geredet wie davon, dass er stirbt, und er hat mir unterstellt, dass ich neidisch bin auf ihn, weil ich das nicht habe. Das Peter-Netzwerk hat die Frau aus Ecuador (eine Mannheimerin) es mal in einer Mail genannt und ich wusste wirklich nicht, wie ich ihm verständlich machen sollte, dass ich nicht neidisch bin darauf. Das ihm ein für alle mal verständlich machen, damit wir über anderes reden können und nicht immer wieder über diese abwegige Neid-Unterstellung, die ich mir zugezogen habe, weil ich ihn nicht genug bewundert habe für das, worauf er so stolz war und das meinetwegen auch sein konnte, aber deswegen ihn bewundern konnte ich nicht. Wenn er böse auf mich war, hat er gesagt, du wirst einmal alleine sterben. Womit er meinte, dass niemand bei mir sein wird, wenn ich sterbe. Bei ihm waren in den letzten Tagen sein Sohn, sein Bruder, eine Halbschwester, die polnische Frau, die seine letzte große Liebe war, unglückliche Liebe, nachdem sie sich vor mehr als einem Jahr von ihm getrennt hatte, aber jetzt war sie da und ihre Tochter, eine enge Freundin seines Sohnes. war auch da. Die Witwe aus Karlsruhe, mit der ich telefoniere, war nicht da und das scheint sie zu schmerzen; das erklärt sie dann auch, warum sie nicht da sein konnte, und danach ist kein Gespräch mehr mit ihr möglich, weil sie über alles, was ich sage, nicht sprechen kann oder nicht sprechen will. Wegen dem Witwenschmerz, aber auch, weil sie eine Widersacherin von mir ist, die es nie verstehen konnte, dass Peter sich mit mir abgibt und es zulässt, wie ich über ihn schreibe. Nachdem ich mich zuerst bemüht habe, rücksichtsvoll ihr gegenüber zu sein, verliere ich schließlich die Geduld und sage zweimal zu ihr: du führst dich scheiße auf (weniger emotional und zutreffender wäre gewesen: du führst dich auf, als wärst du und nicht er gestorben). Darauf beendet sie das Gespräch grußlos. Das macht mir nichts aus. Was ich wissen wollte, habe ich erfahren: Als Peter im Sterben lag, waren bei ihm sein Sohn, sein Bruder, seine Halbschwester, die Frau, die ihn unglücklich gemacht, und ihre Tochter, die er so gerne gehabt hat.
Donnerstag, 29. September 2011
Mittwoch, 28. September 2011
Crowdfunding 2
Dann geht das eben nicht, ein Konto zu eröffnen auf den Titel des Blogs, denn ein Konto kann nur eröffnet werden auf den Namen einer natürlichen oder juristischen Person, und wenn auf eine Firma (das Biest als Quasi-Firma), dann muss diese Firma im Handelsregister eingetragen sein. Alternative ist PayPal, die Währung des Internet, aber das erfordert auch wieder langes Nachfragen und organisatorischen Aufwand, mich diesem Währungsverbund anzuschließen, plus: ich sehe das nicht bei meinen Lesern, dass die mit PayPal umgehen. Wenn die mir Geld überweisen wollen, ist es am besten, sie schreiben eine Mail an die BiestzuBiest-Mailadresse, die am rechten Blogrand steht. Betreff: Konto. Mehr Text ist nicht nötig und dann maile ich ihnen zurück die Kontonummer und BLZ des Kontos, das geführt wird unter meinem Namen. Was müssen sie noch wissen? – Erstens: Alle können mitmachen. Zweitens: Das können sie auch mit kleineren Beträgen als mit 50 Euro im Monat. Bleibt die Frage, warum sie mitmachen sollen. Ist das nicht klar? Und wenn es jemandem nicht klar ist, wird der eine Überweisung ausfüllen, wenn ich ihm meine Bedürftigkeit ausmale und laut um Hilfe rufe? Der Perlentaucher hat das im Frühjahr so gemacht in seiner Geldnot, mit großem Erfolg. Doch es geht nicht um Bedürftigkeit, Not und Hilfe. Es gibt die Bedürftigkeit. es gibt die Not, aber warum sollte mir jemand helfen? Wenn es nur um Bedürftigkeit ginge, dann würde ich mich mit Schutzgelderpressung beschäftigen (*). – Worum geht es? – Um Schenken und darum, dass niemand etwas zu verschenken hat. Auch ich nicht. Ich verschenke den Blog in der Erwartung, dass mir dafür etwas geschenkt wird. Schenken, um beschenkt zu werden. Das kennt jeder aus seinem Leben. Als Geschäftsmodell für Schreiben und Lesen ist es neu. – Ob das funktioniert? – Im Leben funktioniert es. – Fortsetzung folgt.
(*) Wie komme ich auf Schutzgelderpressung? – Es ist eine Option für den Plan B. Wenn das nicht klappt mit dem Sponsoring für den Blog, dann könnte ich von ausgesuchten Personen Geld dafür verlangen, dass ich nicht über sie schreibe. Vorher müsste ich dann allerdings mit einem schreiberischen Massaker an einer oder mehreren Personen genügend Angst und Schrecken verbreiten. Was mir bestimmt nicht schwer fallen wird, wenn ich mit der menschenfreundlichen Variante des Crowdfunding eine Enttäuschung erleben sollte. Das nur mal so als Idee.
Montag, 26. September 2011
Ausdrucksweise
Mehr Sätze der Galeristin. Ihre Reaktion auf meine beiden Postings mit ihr: Du bist fleißig im Schreiben, ich im Kinder-Amüsieren ... . Heute habe ich die Geburtstagsfeier von meinem Sohn geleitet. Aber deswegen schreibt sie mir nicht. Sie will etwas richtigstellen. Sie hat das falsch erzählt von Gerit Koglin, wenn er den verinnerlichten strengen Blick seiner Lehrerin verscheucht - den Blick, mit dem Uliane ihm beim Zeichenunterricht über die Schulter schaute, und dem dann meist strenge Anweisungen folgten. Richtigstellung: Das Verscheuchen ihres Blicks über seine Schulter - Geh weg, Uliane! -, das macht er nicht, wenn er etwas Neues ausprobiert und sich noch nicht sicher ist, das macht er, wenn er alleine im Atelier beim Malen ist und dann merkt, wie Ulianes Einfluss ihn (ver)führen möchte.
Der schönste Satz der Galeristin steht am Ende der Mail und ist zu persönlich, um ihn zu zitieren. Und wenn ich den Kontext weglasse? – Komm! Er ist zu schön: Eine unglückliche Geschichte sind meine Zähne! - Und nur damit sie das mal weiß: Ich mache mich nicht lustig über ihre Ausdrucksweise. Sie ist schließlich nicht falsch. Heute habe ich die Geburtstagsfeier meines Sohnes geleitet, ist ein korrekter deutscher Satz. Nur würde das sonst niemand so sagen. Es ist eigenwilliger, kreativer Sprachgebrauch. Deswegen mein Entzücken. Nicht Belustigung. Das Englische ist auch deshalb lebendiger als viele andere Sprachen, weil Menschen aus aller Welt es sich aneignen – im starken Wortsinn von sich aneignen: sie machen ihr eigenes Ding mit der englischen Sprache. So wie die Galeristin mit dem Deutschen. Die Galeristin ist Mitte der 90er Jahre als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Berlin gekommen. Wie gut für uns und die deutsche Sprache, dass sie geblieben ist.
Der schönste Satz der Galeristin steht am Ende der Mail und ist zu persönlich, um ihn zu zitieren. Und wenn ich den Kontext weglasse? – Komm! Er ist zu schön: Eine unglückliche Geschichte sind meine Zähne! - Und nur damit sie das mal weiß: Ich mache mich nicht lustig über ihre Ausdrucksweise. Sie ist schließlich nicht falsch. Heute habe ich die Geburtstagsfeier meines Sohnes geleitet, ist ein korrekter deutscher Satz. Nur würde das sonst niemand so sagen. Es ist eigenwilliger, kreativer Sprachgebrauch. Deswegen mein Entzücken. Nicht Belustigung. Das Englische ist auch deshalb lebendiger als viele andere Sprachen, weil Menschen aus aller Welt es sich aneignen – im starken Wortsinn von sich aneignen: sie machen ihr eigenes Ding mit der englischen Sprache. So wie die Galeristin mit dem Deutschen. Die Galeristin ist Mitte der 90er Jahre als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Berlin gekommen. Wie gut für uns und die deutsche Sprache, dass sie geblieben ist.
Samstag, 24. September 2011
Glücklich
Einmal vor vielen Jahren habe ich auf einem Balkon in der Sonne gesessen, ein Buch gelesen und versucht, nicht der Unterhaltung der beiden Frauen zuzuhören, die auch auf dem Balkon saßen. Die eine war objektiv hässlich. Wenn ich sie sah, musste ich jedes Mal an Goofy denken, den treuen Freund von Micky Maus. Ihr Gesicht hatte eine Art Familienähnlichkeit mit Goofy. Und diese Frau hörte ich nun zu der anderen Frau sagen: ... und da habe ich gemerkt, dass ich schön bin. Mir ist beinahe mein Buch aus der Hand gefallen, als ich das hörte. - Daran habe ich mich heute erinnert, als ich in gedrückter Stimmung durch die Hauptstraße ging in der Nachmittagssonne und dachte: ich könnte doch jetzt einfach merken, dass ich glücklich bin, und dann wäre es auch so. Da hat es noch nicht geklappt.
Später: Ich bin traurig. - Och! - Nein, nein, das ist schon in Ordnung so. - Da fing es an zu klappen.
Später: Ich bin traurig. - Och! - Nein, nein, das ist schon in Ordnung so. - Da fing es an zu klappen.
Donnerstag, 22. September 2011
Kleinkariert
Nicht überarbeiteter Text vom 20.09.11, der Text vom Nachmittag, den ich erwähne in Angebrüllt:
Jetzt hat sie angefangen, die Woche: Liljana erreicht, Friederike erreicht und Taewoo macht weiter – mit Zicken? Mail von ihm, in der er mich bittet um einen Gefallen. Welchen, spricht er nicht aus. Aber es ist klar, es ist das, worum er mich in seiner Mail von letzter Woche um Verständnis gebeten hat. Verständnis wofür? Das hat er auch nicht ausgesprochen. Das soll ich mir aus dem Zusammenhang erschließen. Er möchte, dass ich das letzte Posting über ihn lösche. Er ist Maler. Er übermalt alle Nas lang ein Bild und malt es dann neu oder malt ein ganz anderes Bild. Er denkt, das ist bei mir im Blog ebenso. Er weiß nicht, dass es das noch nie gegeben hat hier, dass ich ein Posting lösche, und wenn ich es täte, dass ich dann den Lesern erklären müsste, warum. Erste Komplikation. – Aus zwei Gründen bittet er mich um Verständnis und um den Gefallen, das Posting zu löschen. Er will nicht, dass seine Lebensverhältnisse beschrieben werden (Doppelleben als Künstler und als jemand, der seinen Lebensunterhalt verdienen muss), weil ihm dadurch existenzielle Nachteile erwachsen können, wie er fürchtet. Nachteile? Wegen seiner Befürchtung lasse ich es im Vagen, was für Nachteile das sind und von welcher Seite ihm die Nachteile erwachsen könnten; das Finanzamt ist es nicht. Außerdem will er nicht, dass seine ironische Polemik gegen einen Kollegen, mit der er dessen Arroganz gekontert hat, breitgetreten wird. Ginge es nur um den ersten Punkt, könnte ich denken, er ist eben ängstlich und ist das nicht verständlich? Ich könnte die seine Existenz betreffenden Sätze in dem Posting streichen; das würde dann zwar aussehen, als hätte sich ein nasser Hund in dem Text gewälzt, aber wenn ich das in einer Fußnote erkläre, dass es wegen der Existenzangst Taewoos geschehen ist, würde das jeder Leser verstehen. Nun will er aber auch noch den zweiten beschriebenen Sachverhalt: Arroganz des Kollegen und ironische Polemik dagegen entfernt haben. Damit bliebe von dem Text nichts mehr übrig. Das ist die zweite Komplikation. Denn nun frage ich mich, ob es ihm in Wirklichkeit gar nicht um das eine und auch nicht um das andere geht, sondern darum, dass ihm der ganze Text nicht passt. Die Art nicht passt, wie ich über ihn geschrieben habe – voller Sympathie und mit Einfühlung in seine Lebensverhältnisse und seine Künstlerrolle, aber eben auf meine Art und die passt ihm nicht? Frage. Eine Antwort darauf werde ich nicht kriegen. Also halte ich mich an die Gründe, die er nennt. Erster Grund: Existenzielle Nachteile, die er fürchtet. Ich habe einer Expertin für die Existenzform Taewoos Mails gezeigt. Ihre Meinung: Seine Angst ist unbegründet. Seine Haltung kleinkariert. Da ich aber selbst ein ängstlicher Mensch bin und hinterher nicht dastehen möchte als verantwortlich gemacht dafür, wenn er eines Tages die befürchteten Nachteile erleiden sollte, bin ich bereit über diesen Punk zu verhandeln. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass er die Nachteile wegen meinem Blog erleiden wird. Wenn er sie erleidet, dann deshalb, weil ein Angehöriger der Organisation, die nicht das Finanzamt ist, zufällig in der Kneipe neben ihm steht und hört, wie Taewoo gerade über seine Doppelexistenz redet und daraufhin eine Prüfung von Taewoos Doppelexistenz veranlasst, aus der dann die Nachteile erwachsen. Unwahrscheinlich? Sicher. Aber es ist immer noch wahrscheinlicher, als dass ihm die Nachteile durch mein Posting über ihn erwachsen. Und alles zusammen ist es das, was Uliane, die oben zitierte Expertin mit kleinkariert meinte. Egal. Wegen seiner Ängstlichkeit und meiner Ängstlichkeit ist dieser Punkt verhandelbar. Der andere Punkt jedoch nicht. Er hat etwas mir erzählt, er hat es Uliane erzählt, sie hat es wiederum mir erzählt. Er hat etwas in die Welt gesetzt, da steht es, darüber habe ich geschrieben. Jedes Wort ist belegt. Der Text ist weder beleidigend noch verunglimpfend, er ist geschrieben in erkennbar bester Absicht. Er sei eben bressonisch, schreibt er mir in der Mail von heute. Bressonisch kommt von Robert Bresson, dessen Werk wir beide verehren. In Bressons Film L´Argent gibt es eine Mordszene. Bresson zeigt sie, indem er die Kamera auf eine Wand hält, auf die Blut spritzt und aus dem Off hören wir die Geräusche der Bluttat. Das ist genial. Weil es das Grauen in die Imagination des Zuschauers verlegt, anstatt es platt abzubilden. Das ist bressonisch. Und Taewoo ist auch bressonisch, wenn er zu etwas, das er gesagt hat, nun nicht mehr stehen will?
Montag, 19. September 2011
Gelee
Das Innere des Biests fühlt sich heute an wie Gelee. Was ist das Innere des Biests? Gestern habe ich so getan, als wäre es eine Klatsch- und Schwatzecke und: Bitte Beachten! Die Kommentarfunktion ist aktiviert. Bitte Gebrauch davon machen! – Darauf gebracht worden von Uliane, als sie fragte, wie sie an die Kommentarfunktion in Biest zu Biest rankommt. Antwort: Gar nicht. Die habe ich ausgeschaltet. – Das ist gut, hat sie gesagt. – Aber wäre es nicht besser, wenn es an anderer Stelle die Möglichkeit zum Kommentieren gäbe? In Das innere Biest zum Beispiel. So war das von Anfang an gedacht. Hier schreibe ich eine Art Behind the Scenes und dazu gehört, dass die Leser kommentieren können, was in Biest zu Biest passiert. Doch dann ist Das innere Biest mehr persönliches Tagebuch geworden als Blogtagebuch. Eine Art Blogtagebuch gab es zwei Monate lang auf der Facebook-Seite von Biest zu Biest. Damit habe ich wegen so gut wie keine Resonanz vor ein paar Wochen aufgehört und heute ist ein guter Tag, um die Seite ganz aufzugeben. Gestern habe ich versucht, was ich auf der Facebook-Seite gemacht habe, in Das innere Biest fortzusetzen. Was dabei herausgekommen ist, hat mir nicht gefallen: Tagebuchartige Bemerkungen zu meinem kurzen Besuch bei Brigitte Stamm; ein Vorhaben, über das ich mit ihr gesprochen habe (Stephanus Schmitz nun doch zu treffen), die Reaktion von Sabine Baer auf die zwei Postings über sie. Das war uninteressant und krampfig; am Abend habe ich es weggeschmissen. Und damit den Versuch, Leser zum Mitmachen zu bringen, schon wieder aufgegeben? – Mit Bitte Beachten! und Bitte Gebrauch von der Kommentarfunktion machen! geht es jedenfalls nicht. Und schon gar nicht damit, dass ich hier nur blogge, damit die Leser (über Bande gespielt) ihre Kommentare zu BzB schreiben können. Hier passiert entweder etwas, das für sich steht, oder ich schalte den zweiten Blog demnächst ab wie nachher die Facebook-Seite. Was kann hier passieren? Blogtagebuch? Oder der Roman, Fortsetzungsroman, BlogRoman, von dem ich fasele seit ich blogge? Aber jetzt nicht mehr Geschichte einer romantischen Verwirrung, jetzt Geschichte meines Lebens mit dem Blog und des aussichtslos erscheinenden Versuchs, von dem Blog zu leben. Und dass ich den Versuch trotzdem nicht aufgebe, stur an dem Ziel festhalte, das ist der Plot, das ist das Drama: Wie geht es aus? Komödie oder Trauerspiel? – So. Alles echt, alles wahr. Nichts ausgedacht. Das ist auch nicht nötig, weil es jeden Tag genug zu erzählen gibt. Heute: Das Innere des Biests fühlt sich an wie Gelee.
Freitag, 16. September 2011
Mitmachen
Sein Muster? Unser Muster? – Mail an Taewoo mit Link zum letzten Posting über ihn plus: ich bedanke mich fürs Mitmachen. Und er – macht Zicken. Seine Jobs bei Ausstellungen sollen nicht erwähnt werden wegen der KSK (Künstlersozialkasse) und es ist ihm nicht recht, dass sein angespanntes Verhältnis zu XY so breitgetreten wird. Dafür bittet er um Verständnis. Was heißt das? Ich soll den Text löschen? – Ich antworte ihm a) mit dem, was Uliane meinte, der ich seine Mail zu lesen gegeben habe: keiner wird an Taewoo von der KSK herantreten, alle Künstler müssen zusätzlich Geld verdienen; und b) schreibe ich ihm, dass ich nur seine Äußerungen mir und Uliane gegenüber aufgegriffen habe; wenn er will, dass über sein angespanntes Verhältnis zu XY Stillschweigen bewahrt wird, dann darf er sich nicht dazu äußern. Aber ist das überhaupt der Punkt: die KSK und das Breittreten? Oder ist das nur ein Vorwand? In Wahrheit geht es um etwas anderes, das er nicht ausspricht, weil es ihm vielleicht auch gar nicht klar ist? – Was? – Das Mitmachen, für das ich mich bedankt habe. Das will er nicht, mitgemacht haben? Der will er nicht sein, der mitmacht? Überhaupt nicht will er der sein oder nur bei mir nicht. Sein Muster oder unser Muster. Sein Muster überhaupt oder sein Muster mir gegenüber: Er will derjenige sein, der sich entzieht. Keine Kritik. Nur: das Sich-Entziehen ist eine Handlung, die darauf zielt, seine Eigenheit zu bewahren/zu behaupten – oder überhaupt erst Eigenheit zu generieren? Jetzt wird es doch Kritik. Lieber der Witz, an den ich mich erinnert habe, nachdem ich Taewoos Mail gelesen hatte: Zwei Engländer machen einen Osterspaziergang auf Golgatha. Da sehen sie ein großes Holzkreuz, daneben zwei kleinere Kreuze und an den Kreuzen hängen drei Männer. Schüttelt der eine Engländer den Kopf und sagt zum anderen Engländer: What a way to spend Easter! – Das Sonderbare ist nicht, dass mit dem Sich-Entziehen Eigenheit behauptet oder generiert wird, das Sonderbare ist die Lust daran, es zu tun. Das ist die Eigenheit: die Lust am Sich-Entziehen. – Aber vielleicht ist Taewoo auch nur konfliktscheu. Was heißt konfliktscheu? Seine Ruhe will er haben. Überhaupt oder nur vor mir?
Es entgeht mir nicht, dass das Posting in BzB heute das 500. sein wird, und da ich das weiß, muss ich deswegen entweder was machen oder mich bewusst darüber hinwegsetzen. In den numerisch auffälligen Postings ist es immer um die Frau gegangen, die einmal die Contessa war und jetzt Amy geworden ist. Vielleicht heißt sie wirklich Amy. Irgendeinen Namen muss sie ja haben und Contessa heißt sie nicht, Contessa ist sie nicht. Dazu habe ich sie gemacht, und als es mir zu dumm wurde, habe ich ihr den Titel wieder aberkannt. Das wäre ein Thema für das 500. Posting: der wirkliche Name der Frau, die einmal die Contessa war und von mir Tess genannt wurde. Den müsste sie dann aber beitragen zum Text. Sie müsste mitmachen. Das hat sie bisher nicht getan. Warum sollte sie es wegen des numerischen Ereignisses 500 tun?
Freitag, 9. September 2011
Spatzen
Im Text über Taewoo geht es darum, jemanden zu nehmen, wie er ist. Im Text über das Sterben Peters geht es um das Gleiche. Mit der Botschaft: wenn du stirbst, musst du ohne mich sterben, denn ich kann dein Gerede nicht mehr ertragen. Die ständigen Wiederholungen machen mich böse. Und das kann ich keinem Sterbenden zumuten, dass ich ihn nur noch beschimpfe. Stirb so, wie es dir am angenehmsten ist, umgeben von deinen Lieblingssätzen und Geschichten - und verschont von meinen Vorhaltungen. Ich bin kein gewohnheitsmäßiger Lügner; so hat mich noch niemand genannt, hat er mir geschrieben diese Woche. Niemand außer mir hat ihn jemals so genannt, meint er damit. Er will, dass wir unser Gespräch fortsetzen und dass ich aufhöre, ihm seine Lügen vorzuhalten. Aber beides geht nicht. Ich werde aufhören, ihm seine Lügen vorzuhalten.
Mittwoch, 7. September 2011
Beweis
Bericht vom Geheimtreffen. Geheim ist der Ort. Denn ich treffe mich mit meinem Schutzmann in seinem Kontaktbereich; wegen Anonymisierung des Schutzmanns soll der nicht genannt werden. Und geheim ist, worüber wir sprechen. Denn es soll dem Gesprächspartner bewiesen werden, dass es auch einmal möglich ist, dass wir miteinander reden, ohne dass es hinterher Wort für Wort im Blog steht. Wir sitzen an einem der Tische vor einem sehr gediegenen Restaurant, das ich noch nicht kannte. Gegenüber dem Restaurant befindet sich eine Kirche. Der Ort ist ein legendärer Ort in der Stadt, an dem ich nie zuvor gewesen bin. Wir sitzen da eineinhalb Stunden. Wir essen nichts; der Gesprächspartner trinkt zwei Capuccino, ich ein Glas Mineralwasser. Das ist in Ordnung. Es ist nicht so viel Betrieb, dass wir jemandem den Platz wegnehmen. Zwischendurch wechseln wir von einem Tisch zu einem anderen, weil ich nicht in der Sonne sitzen will. Ich hatte vor sieben Jahren Hautkrebs, erkläre ich dem Gesprächspartner meinen Wunsch, den Platz zu wechseln. So sehr ich die Sonne mag, ich will mich ihr nicht mehr aussetzen. Er sagt dazu nichts. Was soll er dazu sagen? – Als der Kellner die Rechnung bringt, ist die Frage, wer bezahlt. Der Gesprächspartner sagt, dass er nur zehn Euro in der Tasche hat. Ich sage, dass ich ihn gerne einladen würde, aber dass das nicht geht. Jeder zahlt für sich, sage ich zum Kellner. Der Gesprächspartner lacht und sagt, dass er das gut findet. Er meint: wie wir damit eben umgegangen sind. Das Wasser kostet 1,80 Euro. Ich gebe dem Kellner 2,20 Euro. Er ist einen Moment irritiert, weil es ihn überrascht, dass jemand, der sich eineinhalb Stunden lang an einem Glas Wasser festgehalten hat, ihm ein (verhältnismäßig) großzügiges Trinkgeld gibt. - Eben deswegen. So geht das. Zusammen gehen wir zurück. Ich nach Hause, der Gesprächspartner zum Abschnitt 41. Als wir fast da sind, ergibt sich aus dem Gespräch, was ich ohnehin vorhatte: Ich biete dem Gesprächspartner das Du an. Er freut sich darüber. Das hätte ich nicht gedacht, dass er sich darüber so freut. Er reicht mir die Hand und sagt seinen Vornamen, der mir bekannt ist. Aber so macht man das. Ich gebe ihm die Hand, sage aber nicht meinen Vornamen. So bin ich. Jemand hat mal über einen anderen gesagt: Er muss immer irgendwo einen Zipfel raushängen lassen. So bin ich.
Sonntag, 4. September 2011
Daisies
Eine Hintertür ist offen. Der Weg zur Hintertür ist frei. Ich bin mir nicht zu gut für Hintertüren. Ich denke auch nicht zu viel nach. Ich habe nur kein Vertrauen, dass die Hintertür zu etwas anderem führt als der Weg durch die Vordertür. Zweimal gegangen, maximale Scheiße erlebt. Es muss doch auch noch etwas anderes geben. Aber nicht auf diese Art. Wenn es nur diese Art gibt, dann will ich nicht. Dann habe ich mich getäuscht. Nichts, was ich wollen könnte, ist so wie diese Art.
15 Uhr. Mit dem Fahrrad durch die Meraner Straße. Da ist eine Galerie. Die hat geöffnet. Davor sitzt eine Frau auf einem Stuhl und liest den neuen Spiegel. Sie scheint mich nicht zu beachten, als ich mein Fahrrad abstelle und abschließe. Grüßt erst, als ich gegrüßt habe. Kann ich mir die Bilder anschauen? - Sicher. - Ist das Ihre Galerie? – Sie sagt, dass sie die Galerie zusammen mit anderen Leuten macht. – Ich dachte, Sie sind eine schlechtbezahlte Hilfskraft, weil sie so indifferent geguckt haben, sage ich und meine gleichgültig. Sie hat aber schon verstanden und antwortet, sie guckt absichtlich so - zurückhaltend -, um die Leute nicht abzuhalten, ihnen die Scheu zu nehmen; so ungefähr, ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut. Gehe rein, gucke mir die Bilder an. Sie gefallen mir nicht. Sie sind schlecht. Wie das klingt. Die Bilder sind nicht gekonnt gemalt und die Bildeinfälle sind Kalauer. Ein Bild heißt Fishful Thinking. Frauenporträt, davor ein überdimensionierter Goldfisch. Eine Serie von Frauenporträts heißt Gaukeleien. So heißt auch die Ausstellung. Sind das verschiedene Frauen auf den Bildern oder ist das ein und die selbe? Verschiedene Frauen. Ein Bild ist überraschend. Es heißt Daisies. Überdimensionierte Gänseblümchen wachsen vom linken Rand ins Bild wie schrägwachsendes Schilf. Vor den überdimensionierten Gänseblümchen stehen zwei junge Frauen und betrachten sie so. wie sie auf ein Grab schauen würden, wenn sie vor einem Grab stünden; sie stehen auch da, als würden sie vor einem Grab stehen. Wenn da nicht etwas daneben gegangen ist, wenn sie das absichtlich gemacht hat, die Malerin, dann ist sie gut, dann sind ihr die anderen Bilder daneben gegangen oder ich habe mir nicht genug Zeit genommen für sie. Als ich rauskomme, fragt mich die Frau auf dem Stuhl, ob ich von der Galerie gewusst hätte oder nur zufällig vorbeigekommen bin. – Das werden Sie gleich an der Frage erkennen, die ich Ihnen jetzt stellen werde (das ist nicht das einzige Mal heute Nachmittag, dass ich mich so zeremoniös äußere). Die Frage ist: Ist die Galerie neu oder habe nur ich sie jetzt erst entdeckt? – Die Galerie gibt es schon seit vier Jahren. In diesen schönen – ja, wirklich schönen – Räumen gibt es sie aber erst seit einem Jahr. Vier Künstler betreiben die Galerie zusammen, stellen ihre eigenen Arbeiten aus, aber auch Arbeiten von anderen Künstlern, die sie schätzen, ungeachtet von ihrer Geltung im Kunstbetrieb. Darüber bald mehr. Die Frau hat mir ihre Visitenkarte gegeben. Ich werde sie in den nächsten Tagen anrufen, um dann vielleicht über das Projekt dieser Galerie zu schreiben. Die Galerie heißt KunstRaum Ko. Und die Frau auf dem Stuhl ist die Malerin der Bilder, die mir nicht gefallen haben, außer dem einen. Das kompliziert das Vorhaben. Mal Uliane fragen, was die von den Bildern Sabine Baers hält. Schöner Name. Vielleicht findet sie etwas Gutes an den Bildern, was ich mir zu eigen machen kann, damit es nicht so kompliziert wird. Als ich das denke, bin ich schon in Friedenau und mir fällt ein, dass ich die Frau auf dem Stuhl neben dem Eingang zur Galerie hätte fotografieren können; sie hätte es bestimmt zugelassen. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen, dass ich ab jetzt unterwegs bin, um zu fotografieren. Thema: Passanten. Oder auch mal eine Frau, die vor dem Eingang ihrer Galerie auf einem Stuhl sitzt und den neuen Spiegel liest. Vielleicht gibt es einen neuen Blog, in dem ich nur diese Passanten-Fotos zeige. Voraussetzung: dass es Passanten-Fotos gibt und nicht nur unendliche Variationen von Nein. Bisher hat jeder meiner Blogs mit einem Text begonnen über die Frau, die einmal Contessa geheißen hat. Der natürliche Anfang des Passanten-Blogs wäre also ein Foto dieser Frau mit einem Kurzinterview. Neben dem Foto soll es nämlich immer einen kleinen Dialog geben: was geredet wurde um das Fotografieren herum. Wenn ich im Spiel bin, gibt es immer einen Dialog. Nur mit der Frau, mit deren Foto ich den Blog so gerne eröffnen würde, hat es noch nie einen Dialog gegeben. Falsch. Korrektur: Es hat noch nie einen richtigen Dialog mit ihr gegeben. Aber auf den Dialog kommt es nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass sie mir begegnet wie andere Passanten auch. Und dann kann sie immer noch sagen wie so viele andere auch: Ich will nicht fotografiert werden. Und darauf sage ich: Akzeptiert. Aber dann vielleicht wenigstens eine Rückenansicht. Oder ein Detail. Ein Stück von dir. Eine Hand oder deine Schuhe oder diese Stofftasche, mit der ich dich schon mehrmals gesehen habe. Doch dazu müsste sie zuerst einmal Passantin werden, um mir zu begegnen wie jeder andere auch. Und das scheint das Schwerste überhaupt zu sein für sie.
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