In der Kommunalen Galerie gibt es mehrere Ausstellungsräume. Seine Ausstellung war im kleinsten, dem im Erdgeschoss gelegenen Raum. Als ich ihn betrat, sah ich als erstes einen flachen weißen Kasten mit einem Stromkabel daran und auf der Vorderseite stand Leer. – Ach so! Da hatte ich ihm also Unrecht getan. Der Guckkasten mit dem Leer-Schriftzug, der war nicht dämlich, wie ich in meinem Blog geschrieben hatte. Der Leer-Schriftzug war ein Zitat. In seinem Guckkasten im Künstlerverein machte er Werbung für seine Ausstellung in der Kommunalen Galerie. Die Dämlichkeit war hier: in Gestalt dieses Kastens mit dem beleuchteten Schriftzug Leer, der auf nichts anderes verwies, der nur für sich selbst warb und für die Leere des Künstlers. Das jedoch schon eine viel zu weitgehende Vermutung, die bei seriösem Vorgehen im Gespräch mit dem Künstler zu klären ist. Aber dann schreibe ich erst mal einen Text, mit dem ich mich abreagiere nach dem Besuch der Weiß an Weiß-Ausstellung. Der Text endet so, dass ich ihn als Vorlage für das geplante Gespräch mit dem Künstler verwenden kann. Auf das habe ich nun aber keine Lust mehr, weil ich mir inzwischen seine Karte angeschaut habe und nicht mit jemandem reden will, der sich auf seiner Karte als mensch und künstler vorstellt. Was mir zur Ausstellung eingefallen ist, steht in dem Text mit dem Entwurf einer Kunsttherapie-Komödie. Aber der Künstler ist nicht der Mann für eine Komödie. Dessen bin ich mir sicher, so schade es um den Therapie-Plot ist, so gerne ich die Rolle gespielt hätte, die ich mir geschrieben habe. Der Künstler hingegen wird immer nur er selbst sein können: ein Tischler aus Nürnberg, der von dort weg ist, weil es in Nürnberg schon genug Tischler gegeben hat, und dann ist er auf dem zweiten Bildungsweg Kunsttherapeut geworden und Künstler. Kunsttherapeut, wie ich mittlerweile nachgeschaut hatte, das ist kein Therapeut von Künstlern und ihren Werken, sondern ein Therapeut von Leidenden mit Mitteln der Kunst, heißt: die Leidenden malen, formen oder performen etwas, mit dem sie ihrem Leiden Ausdruck verleihen. Darüber kann dann geredet werden und das ist alles andere als komisch.
Trotzdem habe ich dreimal versucht ihn anzurufen. Festnetznummer. Ein Mal AB, zweimal niemand dran gegangen. Jedes Mal war ich erleichtert, ihn nicht erreicht zu haben. So wie ich ihn sah – wie er vor mir gestanden hatte, wie er sich auf seiner Karte präsentierte -, wollte ich ihm kein Leid zufügen. Aber Rücksicht nehmen auf ihn wollte ich auch nicht, wenn ich ihn treffe und ihn anschließend porträtiere. Denn das war jetzt der Punkt, von dem an ich keine Rücksicht mehr nehmen wollte. Weil ich nicht mehr der Schleimscheißer sein wollte / konnte, den das Rücksichtnehmen auf sympathische Menschen und ihre guten künstlerischen Absichten aus mir gemacht hatte. Aber kann ich dann überhaupt noch über Kunst schreiben, ohne in die ältliche Pose eines Kunstkritikers in einem Feuilleton zu verfallen? – Um diese Frage ging es schließlich in Kill Your Darlings, und dass nichts aus dem Schreibvorhaben geworden ist, liegt sicher auch daran, dass mir nach und nach klar wurde, dass von der Beantwortung dieser Frage nicht das Glück von Millionen Menschen in aller Welt abhängt, wie ich ursprünglich angenommen haben muss. Denn das ist die einzige denkbare Erklärung für den Aufwand, den ich getrieben habe, Obwohl ich schon beim zweiten Schreibanlauf die Antwort gefunden hatte, siehe oben: Mach dein Eigenes. Doch dann: Ich will aber nicht aufhören, über Kunst zu schreiben. Lösung: Und wenn du nur noch über Künstler schreibst, die keiner Rücksichtnahme bedürfen? Dann gibt es auch noch die Galeristen und die Galeristinnen. Und das Publikum. Das Kunstpublikum. Großes kommendes Thema. Das habe ich schon lange vor, da mehr hinzuschauen auf das Publikum in den Galerien. Ist es nicht herrlich? Es gibt immer ein Schlupfloch. Das hatte ich nun aber ganz nebenbei gefunden. Ohne mein hartnäckiges Rumschreiben auf den acht Tagen mit viermal schlechter Kunst. Ich kann einfach nicht aufgeben; es wird immer schlimmer. Erst, als der Text an sich selbst zugrunde ging, als aus einer abfälligen Bemerkung über Leute, die nurmehr in Erinnerungen leben, der tote Peter L. auftauchte - umringt von seinen Witwen, die jüngste, die kolumbianische übrigens Künstlerin, Peter im Grunde auch Künstler, aber tot, tot, tot, was will ich denn jetzt mit dem? –, da merkte ich endlich, dass ich mich verstiegen hatte. Absturz. Ende. Eingeständnis: Alles, was mir eingefallen ist unter dem Titel Kill Your Darlings, waren die beiden kurzen Texte, die ich nicht aufgeben wollte, obwohl sie nicht zusammenpassten und für sich stehen konnten sie auch nicht. Wenn ich den Mut dazu hatte, aber vielleicht doch.









