Samstag, 26. Mai 2012

Künstlerschicksal 2


In der Kommunalen Galerie gibt es mehrere Ausstellungsräume. Seine Ausstellung war im kleinsten, dem im Erdgeschoss gelegenen Raum. Als ich ihn betrat, sah ich als erstes einen flachen weißen Kasten mit einem Stromkabel daran und auf der Vorderseite stand Leer. – Ach so! Da hatte ich ihm also Unrecht getan. Der Guckkasten mit dem Leer-Schriftzug, der war nicht dämlich, wie ich in meinem Blog geschrieben hatte. Der Leer-Schriftzug war ein Zitat. In seinem Guckkasten im Künstlerverein machte er Werbung für seine Ausstellung in der Kommunalen Galerie. Die Dämlichkeit war hier: in Gestalt dieses Kastens mit dem beleuchteten Schriftzug Leer, der auf nichts anderes verwies, der nur für sich selbst warb und für die Leere des Künstlers. Das jedoch schon eine viel zu weitgehende Vermutung, die bei seriösem Vorgehen im Gespräch mit dem Künstler zu klären ist. Aber dann schreibe ich erst mal einen Text, mit dem ich mich abreagiere nach dem Besuch der Weiß an Weiß-Ausstellung. Der Text endet so, dass ich ihn als Vorlage für das geplante Gespräch mit dem Künstler verwenden kann. Auf das habe ich nun aber keine Lust mehr, weil ich mir inzwischen seine Karte angeschaut habe und nicht mit jemandem reden will, der sich auf seiner Karte als mensch und künstler vorstellt. Was mir zur Ausstellung eingefallen ist, steht in dem Text mit dem Entwurf einer Kunsttherapie-Komödie. Aber der Künstler ist nicht der Mann für eine Komödie. Dessen bin ich mir sicher, so schade es um den Therapie-Plot ist, so gerne ich die Rolle gespielt hätte, die ich mir geschrieben habe. Der Künstler hingegen wird immer nur er selbst sein können: ein Tischler aus Nürnberg, der von dort weg ist, weil es in Nürnberg schon genug Tischler gegeben hat, und dann ist er auf dem zweiten Bildungsweg Kunsttherapeut geworden und Künstler. Kunsttherapeut, wie ich mittlerweile nachgeschaut hatte, das ist kein Therapeut von Künstlern und ihren Werken, sondern ein Therapeut von Leidenden mit Mitteln der Kunst, heißt: die Leidenden malen, formen oder performen etwas, mit dem sie ihrem Leiden Ausdruck verleihen. Darüber kann dann geredet werden und das ist alles andere als komisch.


Trotzdem habe ich dreimal versucht ihn anzurufen. Festnetznummer. Ein Mal AB, zweimal niemand dran gegangen. Jedes Mal war ich erleichtert, ihn nicht erreicht zu haben. So wie ich ihn sah – wie er vor mir gestanden hatte, wie er sich auf seiner Karte präsentierte -, wollte ich ihm kein Leid zufügen. Aber Rücksicht nehmen auf ihn wollte ich auch nicht, wenn ich ihn treffe und ihn anschließend porträtiere. Denn das war jetzt der Punkt, von dem an ich keine Rücksicht mehr nehmen wollte. Weil ich nicht mehr der Schleimscheißer sein wollte / konnte, den das Rücksichtnehmen auf sympathische Menschen und ihre guten künstlerischen Absichten aus mir gemacht hatte. Aber kann ich dann überhaupt noch über Kunst schreiben, ohne in die ältliche Pose eines Kunstkritikers in einem Feuilleton zu verfallen? – Um diese Frage ging es schließlich in Kill Your Darlings, und dass nichts aus dem Schreibvorhaben geworden ist, liegt sicher auch daran, dass mir nach und nach klar wurde, dass von der Beantwortung dieser Frage nicht das Glück von Millionen Menschen in aller Welt abhängt, wie ich ursprünglich angenommen haben muss. Denn das ist die einzige denkbare Erklärung für den Aufwand, den ich getrieben habe, Obwohl ich schon beim zweiten Schreibanlauf die Antwort gefunden hatte, siehe oben: Mach dein Eigenes. Doch dann: Ich will aber nicht aufhören, über Kunst zu schreiben. Lösung: Und wenn du nur noch über Künstler schreibst, die keiner Rücksichtnahme bedürfen? Dann gibt es auch noch die Galeristen und die Galeristinnen. Und das Publikum. Das Kunstpublikum. Großes kommendes Thema. Das habe ich schon lange vor, da mehr hinzuschauen auf das Publikum in den Galerien. Ist es nicht herrlich? Es gibt immer ein Schlupfloch. Das hatte ich nun aber ganz nebenbei gefunden. Ohne mein hartnäckiges Rumschreiben auf den acht Tagen mit viermal schlechter Kunst. Ich kann einfach nicht aufgeben; es wird immer schlimmer. Erst, als der Text an sich selbst zugrunde ging, als aus einer abfälligen Bemerkung über Leute, die nurmehr in Erinnerungen leben, der tote Peter L. auftauchte - umringt von seinen Witwen, die jüngste, die kolumbianische übrigens Künstlerin, Peter im Grunde auch Künstler, aber tot, tot, tot, was will ich denn jetzt mit dem? –, da merkte ich endlich, dass ich mich verstiegen hatte. Absturz. Ende. Eingeständnis: Alles, was mir eingefallen ist unter dem Titel Kill Your Darlings, waren die beiden kurzen Texte, die ich nicht aufgeben wollte, obwohl sie nicht zusammenpassten und für sich stehen konnten sie auch nicht. Wenn ich den Mut dazu hatte, aber vielleicht doch.

Kill Your Darlings 1

Kunst: Ó Christoph Damm / Ausstellung Weiß an Weiß

Künstlerschicksal 1


Viermal schlechte Kunst in acht Tagen und niemand, den ich näher kennenlernen will. Aber das merke ich erst beim Schreiben, nachdem es nicht weiter geht nach dem Weiß an Weiß-Text und nach dem Rückblick auf die F**kgeschichten. Da wollte ich zuerst zurückblicken darauf, wie ich vor etwa einem Jahr angefangen habe, über Kunst und über Künstler zu schreiben und dann habe ich nach einer halben Seite angefangen, mich zu langweilen. Umstände, Umstände, aber keine Geschichte. Ohne zu überlegen, habe ich darauf noch weiter zurückgegriffen, dem Titel folgend: Kill Your Darlings. Wenn ich schon mal beim Schreiben von Anfang an einen Titel habe! Dann lese ich in einem Interview mit René Pollesch, dass er im Frühjahr in Berlin ein Stück inszeniert hat und das Stück heißt Kill Your Darlings. Das geht mich normalerweise nichts an, was der Pollesch macht, und Kill Your Darlings ist ein Spruch aus meinem Leben, meinem früheren Leben als Drehbuchautor. Aber der Schwung ist weg, den mir der Titel gegeben hat. Und mehr Schwung habe ich nicht, weil nach dem Rückblick-Text ist streng genommen schon alles getan, was ich mir vorgenommen hatte unter dem Titel Kill Your Darlings. Die gestellte Frage ist beantwortet. Ganz einfach, es ist wie damals: Mach dein Eigenes und kümmere dich nicht darum, was die anderen machen. Zugleich ist mir aber auch klar geworden, dass ich nicht aufhören werde, im Blog über Kunst zu schreiben. Nur so wie bisher geht es nicht mehr. Denn als ich nun anfange, von der vielen schlechten Kunst zu erzählen und dem, was ich erlebt habe mit ihren Künstlern in den acht Tagen, sind es wieder nur Umstände und eine Geschichte darin kann ich nicht finden. Bis auf die von der Frau, Künstlerin und Kuratorin, die mit einem so überhöhten Selbstbewusstsein auftritt, dass ich schon dachte, das ist der lange gesuchte Stoff für eine Komödie. Aber dann sehe ich, wie sie an einem Sonntagnachmittag einen fuchsähnlichen kleinen Hund an einer Leine durch die von ihr kuratierte Ausstellung führt, und da ist es mir doch zu einfach und zu durchsichtig. Außerdem würde es schon wieder – zum dritten Mal hintereinander - um die Verständnislosigkeit zwischen mir und einer Frau gehen und es könnte der Eindruck entstehen, dass ich was gegen Frauen habe, ein Frauenverächter und –feind bin, misogyn. Bin ich nicht, will ich nicht sein. Und wenn es so wäre, dann würde ich es für mich behalten und die Regung im Stillen mit allen Mitteln bekämpfen, so wie ich therapeutische Hilfe suchen würde, wenn ich plötzlich ein mehr als menschliches Interesse an kleinen Mädchen bei mir beobachten würde.

Die Frau mit dem überhöhten Selbstbewusstsein hatte in einem Künstlerverein eine Ausstellung initiiert und organisiert, die anders als mit einem überhöhten Selbstbewusstsein gar nicht zu realisieren gewesen wäre. 47 (!) Künstler brachte sie zusammen in drei Containern aus weißem Styropor. White Cubes nannte sie die Container in Anspielung an Ihr wisst schon wen. Jeder Künstler hat sein eigenes Fach, einen 26 x 34 x 44 cm großen Guckkasten mit einem bullaugenförmigen Fenster, hinter dem er seine eigene Ausstellung in der großen Ausstellung veranstalten kann. Doch nicht jedem ist dazu etwas eingefallen. Manche haben es einfach nur hinter sich gebracht, wie die Kuratorin selbst; in ihrem Guckkasten zeigt sie ein Foto, das auch auf ihrer Website zu sehen ist: ein Steinhaufen und davor tief in den Boden gedrückt die Reifenspuren eines Nutzfahrzeugs, das man sich denken kann in seine Wuchtigkeit, wenn man die breiten Reifenspuren sieht. Ein anderer Künstler hat alles weiß gelassen und an die Rückwand seines Guckkastens hat er Leer geschrieben. Leer! Haha. Wie dämlich! denke ich und gleich darauf lerne ich den Künstler kennen, weil er hinter mir steht und mich beobachtet, als ich seinen Guckkasten fotografiere. Er erzählt, dass er gerade eine Einzelausstellung hat in der Kommunalen Galerie, vor wenigen Tagen eröffnet. Ich bin nicht hingegangen, weil ein Künstler, der es schafft, eine Ausstellung bewilligt zu kriegen in einer Kommunalen Galerie von einem Kulturamt, das ist ein Künstlerschicksal, das mich nicht interessiert. Aber nun steht er vor mir, ich mache Fotos von ihm, beim zweiten murrt er, als ich es ihm zeige, mit dem dritten ist er zufrieden. Ich erwähne meinen Blog. Wir tauschen unsere Karten. Ich erzähle ihm, dass ich kurz überlegt hatte, zu seiner Vernissage zu gehen. Ich erzähle ihm nicht, warum ich nicht hingegangen bin. Nachdem ich ihn nun kennengelernt habe, werde ich mir seine Ausstellung anschauen und danach werde ich mich bei ihm melden, sage ich, als wir uns verabschieden.   


Kunst: Ó Franziska Rutishauser, Christoph Damm / White Cubes update12

Donnerstag, 24. Mai 2012

Kriminell


Sie haben sich an einem anderen Standort abgemeldet.
Möchten Sie sich wieder anmelden?
Das ist eine Bildschirmsituation vom Abend des 25.04.12. Ich war es nicht, der mich von einem anderen Standort abgemeldet hat - mich bei meinem Google-Account abgemeldet hat, so dass ich beim Editieren eines Blogeintrags unterbrochen wurde. Danach konnte ich mich wieder anmelden und weiter arbeiten. So wie die anderen Male auch, als das passiert ist, zuletzt gestern Abend.

Ich protokolliere das als Beweis dafür, dass jemand sich Zugang zu meinem Rechner verschafft hat und diesen Zugang nutzt, zum Beispiel um mich bei meinem Google-Account abzumelden. Wenn diese Person das tun kann, dann ist auch nicht auszuschließen, dass sie mit meiner IP-Adresse kriminelle Handlungen begeht. Das ist der zweite Grund, warum ich hier protokolliere, dass sich jemand  unbefugt Zugang zu meinem Rechner verschafft hat. Wobei mir klar ist, dass das nicht ausreicht, um mich davor zu schützen, für kriminelle Handlungen zur Verantwortung gezogen zu werden, die eine andere Person unter meiner IP-Adresse begeht. Wenn es weiterhin zu unbefugten Zugriffen auf meinen Rechner kommt, werde ich daher Anzeige erstatten.

Zuhörgesicht



Das ist das Foto von Uliane und Marlene, das nicht verloren gehen soll, nachdem ich das Posting mit den Fotos von Marlene auf ihren Wunsch gelöscht habe. Das Foto, das sie mit Uliane zeigt, hat sie ausdrücklich ausgenommen von ihrem Wunsch, der eine Forderung war. Entweder weil sie es als zu weitgehend empfand, über ein Foto zu bestimmen, das neben ihr noch eine andere Person zeigt, oder weil sie sich gefällt auf dem Foto, während sie sich auf den anderen Fotos nicht gefallen hat.


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Freitag, 11. Mai 2012

Restless Leg

Der Freund eines berühmten Fernsehclowns ist Medienanwalt und deshalb muss ich vorsichtig sein, wenn ich die Geschichte erzähle, weil es kann natürlich noch eine Reihe anderer Gründe geben, warum der Mann, der einmal einen Fernsehsender geleitet hatte und auch jetzt bei diesem Mittagessen in einer Entscheiderrolle saß und hinterher die Rechnung beglichen hat, die ganze Zeit mit seinem rechten Bein wackelte und immer weiter wackelte, auch noch, nachdem er meine entgeisterten Blicke bemerkt hatte. Mein Agent, dem ich bald darauf von dem Restless-Legs-Syndrom des ihm nur aus der Zeitung bekannten Mannes erzählte, konnte nichts dabei finden. Wenn er und seine Frau abends zusammen am Tisch säßen, dann würden sie auch jeder mit einem Bein wackeln, sagte mein Agent und ich wusste nicht, ob er das nur sagte, weil er meine Geschichte von dem Mittagessen mit dem namhaften Mann unterwandern wollte. Agenten können schon große Spielverderber sein. Sie haben aber auch einen sehr harten Beruf, deshalb einen Humor, bei dem nicht jeder lachen kann, und schließlich: Kann es nicht sein, dass der Agent und seine Frau tatsächlich abends an ihrem Küchentisch sitzen, jeder wackelt mit einem Bein und es ist deshalb so entspannend, weil sie es zusammen tun? Beneidenswert! – Als mir eine Freundin vor ein paar Wochen erzählte, dass sie gerade das Prozac-Genericum (Wirkstoff: Fluoxetin) absetzt, das sie über drei Jahre lang genommen hatte, weil sie die Nebenwirkungen nicht mehr ertrug, zum Beispiel nachts nicht schlafen konnte wegen Restless-Legs-Syndrom, da fiel mir sofort der Termin mit dem Fernsehmann ein, von dem ich mir nicht viel versprochen hatte, ihn mehr als Gelegenheit sah, den namhaften Mann kennenzulernen, und dann hatte der die ganze Zeit mit seinem rechten Bein gewackelt und jedes Mal, wenn ich mich daran erinnerte, war ich wieder fassungslos, bis mir die Freundin, Jahre später, von den Nebenwirkungen des populären Antidepressivums erzählte. Warum ich dabei sofort an den namhaften Fernsehmann und nicht auch an den Agenten und seine Frau dachte, kommt daher, dass mein Agent nie versucht hat, witzig zu sein und gute Laune zu verbreiten, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart, und es hätte mich auch gewundert, weil er das nicht nötig hat. Der namhafte Fernsehmann hingegen hat, als er das Restaurant betrat, in dem wir verabredet waren, übermütig seine Aktentasche geschwenkt und ein Lied angestimmt, das auf das Thema des Projektes anspielte, über das wir verhandeln wollten, und er hörte nicht eher auf, als bis er die erste Strophe des Liedes zu Ende gesungen hatte, so dass es mir und einer dritten anwesenden Person schon unbehaglich wurde. Da ist mir dann eingefallen, wie gut er mit einem berühmten Fernsehclown befreundet sein soll. Das anschließende Gespräch hat er mit einer so wohltuenden Professionalität geführt, dass mir schnell klar wurde, warum er es in seinem Geschäft so weit gebracht hatte, und es gar nichts machte, dass er sich nur mit uns getroffen hatte, um uns unser Projekt auszureden. Irritierend war nur ein beständiges rhythmisches Quietschen, dessen Herkunft ich mir erst nicht erklären konnte, bis ich sah, dass es von der Gummisohle des Schuhes am restless leg des namhaften Mannes kam. Wobei ich alleine schon aus rechtlichen Gründen darauf hinweisen will, wie viele mögliche Ursachen für Restless-Legs-Syndrom es gibt. Und kann es nicht auch sein, dass er sich bei uns so entspannt gefühlt hat, dass er vor Wohlbehagen mit seinem rechten Bein gewackelt hat und gar nicht mehr aufhören wollte.  

Sonntag, 6. Mai 2012

Bleiern


Neue Zürcher Zeitung: Alle unter einem Himmel

Es herrscht große Unordnung unter dem Himmel, die Lage ist ausgezeichnet.
Mao Tse Tung

Am Beginn des 21. Jahrhunderts steht nicht nur China an einem Wendepunkt. Wir bemerken überall ein Desinteresse an ernsthafter Beschäftigung mit der Kunst. Wir sehen eine ökonomische Gewalt, die demokratische Werte erstarren lässt und sich wie ein bleiernes Netz über alles legt, was Sinn verheisst.
Lydia Haustein