Sonntag, 4. September 2011

Daisies

Eine Hintertür ist offen. Der Weg zur Hintertür ist frei. Ich bin mir nicht zu gut für Hintertüren. Ich denke auch nicht zu viel nach. Ich habe nur kein Vertrauen, dass die Hintertür zu etwas anderem führt als der Weg durch die Vordertür. Zweimal gegangen, maximale Scheiße erlebt. Es muss doch auch noch etwas anderes geben. Aber nicht auf diese Art. Wenn es nur diese Art gibt, dann will ich nicht. Dann habe ich mich getäuscht. Nichts, was ich wollen könnte, ist so wie diese Art.

15 Uhr. Mit dem Fahrrad durch die Meraner Straße. Da ist eine Galerie. Die hat geöffnet. Davor sitzt eine Frau auf einem Stuhl und liest den neuen Spiegel. Sie scheint mich nicht zu beachten, als ich mein Fahrrad abstelle und abschließe. Grüßt erst, als ich gegrüßt habe. Kann ich mir die Bilder anschauen? - Sicher. - Ist das Ihre Galerie? – Sie sagt, dass sie die Galerie zusammen mit anderen Leuten macht. – Ich dachte, Sie sind eine schlechtbezahlte Hilfskraft, weil sie so indifferent geguckt haben, sage ich und meine gleichgültig. Sie hat aber schon verstanden und antwortet, sie guckt absichtlich so - zurückhaltend -, um die Leute nicht abzuhalten, ihnen die Scheu zu nehmen; so ungefähr, ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut. Gehe rein, gucke mir die Bilder an. Sie gefallen mir nicht. Sie sind schlecht. Wie das klingt. Die Bilder sind nicht gekonnt gemalt und die Bildeinfälle sind Kalauer. Ein Bild heißt Fishful Thinking. Frauenporträt, davor ein überdimensionierter Goldfisch. Eine Serie von Frauenporträts heißt Gaukeleien. So heißt auch die Ausstellung. Sind das verschiedene Frauen auf den Bildern oder ist das ein und die selbe? Verschiedene Frauen. Ein Bild ist überraschend. Es heißt Daisies. Überdimensionierte Gänseblümchen wachsen vom linken Rand ins Bild wie schrägwachsendes Schilf. Vor den überdimensionierten Gänseblümchen stehen zwei junge Frauen und betrachten sie so. wie sie auf ein Grab schauen würden, wenn sie vor einem Grab stünden; sie stehen auch da, als würden sie vor einem Grab stehen. Wenn da nicht etwas daneben gegangen ist, wenn sie das absichtlich gemacht hat, die Malerin, dann ist sie gut, dann sind ihr die anderen Bilder daneben gegangen oder ich habe mir nicht genug Zeit genommen für sie. Als ich rauskomme, fragt mich die Frau auf dem Stuhl, ob ich von der Galerie gewusst hätte oder nur zufällig vorbeigekommen bin. – Das werden Sie gleich an der Frage erkennen, die ich Ihnen jetzt stellen werde (das ist nicht das einzige Mal heute Nachmittag, dass ich mich so zeremoniös äußere). Die Frage ist: Ist die Galerie neu oder habe nur ich sie jetzt erst entdeckt? – Die Galerie gibt es schon seit vier Jahren. In diesen schönen – ja, wirklich schönen – Räumen gibt es sie aber erst seit einem Jahr. Vier Künstler betreiben die Galerie zusammen, stellen ihre eigenen Arbeiten aus, aber auch Arbeiten von anderen Künstlern, die sie schätzen, ungeachtet von ihrer Geltung im Kunstbetrieb. Darüber bald mehr. Die Frau hat mir ihre Visitenkarte gegeben. Ich werde sie in den nächsten Tagen anrufen, um dann vielleicht über das Projekt dieser Galerie zu schreiben. Die Galerie heißt KunstRaum Ko. Und die Frau auf dem Stuhl ist die Malerin der Bilder, die mir nicht gefallen haben, außer dem einen. Das kompliziert das Vorhaben. Mal Uliane fragen, was die von den Bildern Sabine Baers hält. Schöner Name. Vielleicht findet sie etwas Gutes an den Bildern, was ich mir zu eigen machen kann, damit es nicht so kompliziert wird. Als ich das denke, bin ich schon in Friedenau und mir fällt ein, dass ich die Frau auf dem Stuhl neben dem Eingang zur Galerie hätte fotografieren können; sie hätte es bestimmt zugelassen. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen, dass ich ab jetzt unterwegs bin, um zu fotografieren. Thema: Passanten. Oder auch mal eine Frau, die vor dem Eingang ihrer Galerie auf einem Stuhl sitzt und den neuen Spiegel liest. Vielleicht gibt es einen neuen Blog, in dem ich nur diese Passanten-Fotos zeige. Voraussetzung: dass es Passanten-Fotos gibt und nicht nur unendliche Variationen von Nein. Bisher hat jeder meiner Blogs mit einem Text begonnen über die Frau, die einmal Contessa geheißen hat. Der natürliche Anfang des Passanten-Blogs wäre also ein Foto dieser Frau mit einem Kurzinterview. Neben dem Foto soll es nämlich immer einen kleinen Dialog geben: was geredet wurde um das Fotografieren herum. Wenn ich im Spiel bin, gibt es immer einen Dialog. Nur mit der Frau, mit deren Foto ich den Blog so gerne eröffnen würde, hat es noch nie einen Dialog gegeben. Falsch. Korrektur: Es hat noch nie einen richtigen Dialog mit ihr gegeben. Aber auf den Dialog kommt es nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass sie mir begegnet wie andere Passanten auch. Und dann kann sie immer noch sagen wie so viele andere auch: Ich will nicht fotografiert werden. Und darauf sage ich: Akzeptiert. Aber dann vielleicht wenigstens eine Rückenansicht. Oder ein Detail. Ein Stück von dir. Eine Hand oder deine Schuhe oder diese Stofftasche, mit der ich dich schon mehrmals gesehen habe. Doch dazu müsste sie zuerst einmal Passantin werden, um mir zu begegnen wie jeder andere auch. Und das scheint das Schwerste überhaupt zu sein für sie. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen