Gegen 10 Uhr Anruf Peters. Er hat die Bild am Sonntag vor sich und will sich lustig darüber machen, dass der Eisbär Knut gestorben ist. Ich sage ihm, dass ich das schon weiß und dass er mit seinem Hohn bei mir an der falschen Adresse ist, weil ich den Bären persönlich kennengelernt habe und seinen Tod sehr bedaure. Da ich Rasierschaum im Gesicht habe, können wir nicht länger telefonieren. Peter sagt, dann bis heute Abend. Und das war wohl der zweite und eigentliche Grund, weswegen er angerufen hat. Er wollte sicherstellen, dass wir unsere – exzessiven – Telefongewohnheiten fortsetzen und alles wieder gut ist. Gestern Mail von ihm, in der er seine Lügerei erklärt damit, dass er als Heranwachsender ein Zimmer mit drei jüngeren Geschwistern geteilt und dabei eine Tendenz zu Heimlichkeiten entwickelt hat. Das leuchtet mir nicht ganz ein, wird aber von mir hingenommen. Ich schreibe zurück, signalisiere Versöhnung. Kurz darauf sein Anruf: Es ist, wie ich schon ahnte. Dass er vergangenen Montag bei der MRT war, gelogen. Dass er am Freitag da war stimmt. – Er weint, weint, wie er noch nie geweint hat. Mit ganz heller Stimme, wie ein kleiner Junge. Ich bin nicht gerührt. Aber auch nicht etwa abgestoßen. Lasse nur im weiteren Gespräch mal einfließen, dass er jetzt mal – seine Rede – seinen Mann stehen könnte. Eine leichte Aversion verspüre ich bei der refrainartigen Wiederholung der Erklärung, dass er sich immer nur um andere gekümmert, anderen geholfen hat, und dass er nun, da er sich um sich selbst kümmern muss und die Hilfe anderer braucht, damit nicht umgehen kann. Das leuchtet ein. Allerdings leuchtet das nun auch schon seit bald einem halben Jahr ein; er könnte allmählich mal Fortschritte machen im Umgang mit sich selbst. – Das ist ein Zeichen von Ungeduld von mir. Es signalisiert einen Überdruss am Immergleichen des Geredes von Peter und daran, wie er sich im Gerede erschöpft, statt etwas zu ändern. Dafür sollte ich Verständnis haben. Wie lange dauert es bei mir, wie lange denke ich immer das Gleiche und erschöpfe mich in Gedanken, bis ich endlich mal was ändere. Ändern kann. So ist es zu sehen. Veränderungen der Persönlichkeit gehören zum Schwersten überhaupt. Also Nachsicht. Also Geduld mit Peter. Und wie er sich im Kreis seines selbstverliebten, nachdem die Liebe unglücklich geworden ist, selbstmitleidigen Geredes dreht, das kann ich ihm sagen, damit ihm sogar helfen. Trotzdem würde ich heute Abend lieber nicht wieder eine Stunde lang mit ihm telefonieren. Es war gut gestern Abend, es nicht zu tun. Ich will ihn nicht im Stich lassen. Ich will nur nicht mehr jeden Abend eine Stunde lang mit ihm telefonieren. – Gestern hat er gesagt: Das einzig Gute in meinem Leben ist, dass es Leute gibt, die mich emotional unterstützen. Und du bist einer davon.
Nachher Google-Anzeige schalten. Es ist nicht so, dass ich mir davon etwas verspreche. Deshalb auch kein unternehmerisches Kribbeln. Nicht nur, weil ich keine zündende Idee habe für den Anzeigentext. Das Unternehmerische ist im Schreiben des Blogs. Jeden Tag. Wenn ich da wieder in eine andere Spur kommen könnte! Wieder mehr Spaß haben dabei. Dann haben auch die Leser Spaß und dann wird sich ihre Zahl vergrößern. Von alleine. Ja. In diesem Fall wird wirklich mal etwas von alleine gehen, wenn ich die richtigen Impulse gebe. Das ist das Großartige an dem ganzen Unternehmen. Es hängt alles nur von mir ab und meiner Schreiberei. Die Begeisterung darüber hat sich zuletzt im Alltag verloren. Die hole ich mir jetzt zurück. Am Ende doch über die Anzeige und eine Aktion, die ich darin initiiere? Wenn ich nur schon wüsste, wie die konkret aussehen soll. Es ist wie mit den überfallartigen Interviews. Ich muss es machen, um es herauszufinden.
Passage über die Anzeigentexte gestrichen.
Und heute? – Trost? Alleine schon wegen des Titels wäre das gut. Trost für die Leser nach dem verschwurbelten Dame-Post, den wahrscheinlich kein Mensch versteht. – Heute deshalb über Annika Line Trost aus Spandau, die geschrieben hat den Artikel in der Bild am Sonntag über ein Gespräch mit dem Sohn von Gudrun Ensslin Im Vorspann der Satz: Noch bevor seine erste Geburtstagskerze brannte, brannten in Frankfurt zwei Kaufhäuser.
Später: Einer Eingebung folgend mich im letzten Moment dafür entschieden unter dem Titel Trost über das Drama mit Peter zu schreiben. Die Eingebung hat mich dann beim Schreiben im Stich gelassen. Mit Annika Line Trost hätte ich mehr Spaß gehabt. Aber Peter musste sein.
Anzeige geschaltet:
Biest zu Biest
Frühling in Berlin.
Lesen und mitmachen! Täglich.
www.biestzubiest.blogspot.com
Von Anneli gelernt den Begriff Opferunterstützung. - Keine Opferunterstützung! sagt sie, als ich darüber spreche, wie mich das sich im Kreis drehende Reden mit Peter erschöpft.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen