Mittwoch, 30. März 2011

Bemühen

Eine Person auf der anderen Straßenseite will, dass ich mich wieder / weiter mit ihr beschäftige. - Das tue ich doch unentwegt. Nur schreibe ich nicht mehr darüber. Weil es außer Empfindungen und huschigen Wahrnehmungen nichts zu beschreiben gibt. Und weil ich über meine Empfindungen und über die huschigen Wahrnehmungen schon so viel geschrieben habe, dass jedes weitere Schreiben nur die soundsovielte Wiederholung wäre. – Ich würde sehr gerne wieder / weiter schreiben über die Person auf der anderen Straßenseite. Dann muss sie aber was tun, worüber ich schreiben kann. Nur signalisieren: mach doch! und verhuscht Anlass geben zu huschigen Wahrnehmungen, das reicht nicht. – Worte für Worte!

Lutscher  ist auch ein Schimpfwort. Keines aus meinem Repertoire. Trotzdem mit dem Titel des Postings von gestern darauf angespielt. Der Text auch eine Botschaft an Peter. Denk dir was Besseres aus, um deine Lebenskrise aufzuführen. – Damit kann ich daneben liegen - wenn die Biopsie ergeben sollte doch maligne. – Peter hat das schon mal erlebt. Erste Diagnose seines Zungenknubbels: gutartig; zweite Diagnose: Bingo, wie die Onkologin sagte. Krebs! – Das geht ihm nicht aus dem Kopf. Deshalb will er es jetzt unbedingt genau wissen. Sein Anruf vorhin. Er kann den MRT-Befund nicht verstehen. Undurchdringliche medizinische Fachsprache. – Frag deinen Hausarzt. - Der hat heute keine Sprechstunde. Und die anderen fünf Ärzte, Altfreunde und Bekannte, die erreicht er nicht. – Ich schlage vor, dass er seine Angst mal reflektiert und erkundet, ob es auch noch andere Gründe für sie geben könnte. Erschütterung durch die Lebenskrise? – Das erreicht ihn nicht. Es ist ein herzloser Ratschlag. Die Angst äußert sich nun mal als Todesangst. Und so lange ihm die nicht genommen ist durch einen definitiven Befund: benigne, kann er sie nicht reflektieren. Ich kann ihm nicht helfen. Ich kann ihm nur zuhören.

Nachtrag zu gestern. Frage, warum ich so alleine dastehe. Erklärung, die ich Peter gegeben habe im Gespräch am Sonntag, als es ging um Lebenskrisen und ihre Bewältigung, um die  einzige Möglichkeit, die es gibt sie zu bewältigen: indem man sich radikal verändert. – Das habe ich zweimal gemacht in meinem Leben. Lebenskrise um die 40, klassische Midlifecrisis. Und die Lebenskrise, deren Höhepunkt ich vor vier Jahren erlebt habe und die ich bis heute noch nicht ganz verstanden habe; aber verändert habe ich mich durch sie, noch radikaler als damals mit 40. – In beiden Fällen war es so, dass ich mich durch die Veränderung entfernt habe von dem Freundes- und Bekanntenkreis, den ich bis dahin hatte. Bei der ersten Lebenskrise war das ein großer, vielfältiger und zu mir passender Kreis von Menschen. Trotzdem habe ich mich entfernt von ihnen (bis auf wenige Ausnahmen). Warum? – Das ist mir, während ich darüber gesprochen habe am Sonntag deutlich geworden: Weil ich der, der ich geworden war durch die Veränderungen und der ich auch sein wollte, weil ich der nur sein konnte, indem ich keine Kompromisse machte, indem ich mich nicht den Erwartungen fügte, die die andere an mich hatten – Erwartungen, die daraus hinausliefen, der zu sein, als der sie mich kennen, schätzen, bewundern und lieben gelernt hatten. Indem ich mich zurückgezogen habe von den Leuten, habe ich mich ihren Erwartungen entzogen. Meine Authentizität war mir wichtiger als die Leute. Damit habe ich es mir (zu) einfach gemacht. Ich hätte schließlich auch den Leuten mein Anderssein vermitteln können. Dass ich das nicht getan habe, das ist bei den Leuten, die ich bei der ersten Lebenskrise hinter mir gelassen habe, sehr schade. Um die Leute, von denen ich mich bei der Krise vor vier Jahren zurückgezogen habe, ist es nicht schade. Das waren die falschen Leute für mich. Der Krisengewinn bestand unter anderem darin, dass ich mich von diesen Leuten abgewandt habe. – Unterschied zwischen dem ersten, zu mir passenden Personenkreis, zum zweiten, nicht zu mir passenden: um die Leute des ersten Personenkreises hatte ich mich nie bemüht, die hatte ich gefunden, ohne sie zu suchen. – Die Leute des zweiten Personenkreises hatte ich teilweise gesucht oder ich hatte gedacht, ich sollte mit ihnen zu tun haben, weil es nötig ist, Menschen um mich herum zu haben. – Ein weiterer Krisengewinn war die Erkenntnis: lieber allein sein, als mit Leuten zu tun zu haben, die nicht zu mir passen. – Bei der ersten Krise ging es darum, etwas anderes zu machen. Bei der zweiten darum, anders zu leben. – Abschließend habe ich zu Peter gesagt: Dass mein Alleinsein eigentlich ein Anfang ist. Ich bin bereit für neue Leute. Aber: mit 58 trifft man nicht so leicht neue Leute wie mit 18, 28 oder noch mit 38. Zweites aber: die zu mir passenden Leute finde ich nicht, indem ich mich um Leute bemühe. Leute, die zu einander passen, finden sich (finden einander) von alleine. – Stimmt das? – Heute stimmt es. Heute Morgen denke ich: ich will mich nicht mehr um jemanden bemühen. Und dabei denke ich an die Frau auf der anderen Straßenseite. Zwei Jahre lang habe ich mich um sie bemüht. Es hat zu nichts geführt; nicht einmal ihren Namen kenne ich. Jetzt gibt es nur noch die Möglichkeit ohne Bemühen. Mit Leichtigkeit.

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