Samstag, 12. März 2011

5.15

Das wegen dunstigem Himmel fahle Sonnenlicht zeigt mir, dass ich dringend Staub wischen muss. Es würde allerdings auch genügen, die Brille abzusetzen, aber dann … sehe ich nicht, was ich schreibe und damit kippt die Aussage ins Dämliche. Müde bin ich mal wieder. Was ist eigentlich um 5.15 Uhr? – 4.48 Uhr ist Psychose (Sarah Kane); die Uhrzeit, zu der es keinen einzigen rettenden Gedanken gibt. Und 5.15 Uhr, die Zeit, zu der ich neuerdings pünktlich aufwache? – Zu früh, um ausgeschlafen zu sein, zu spät, um noch mal in den Tiefschlaf zu finden. Gute Aufstehzeit, wenn ich wieder früher schlafen gehe. Alleine schon, um nicht so viele Zigaretten zu rauchen am Abend. Eklig, nur noch eklig! – Um früher ins Bett zu gehen, muss ich früher fertig werden mit dem Überarbeiten der Texte. Dazu muss ich meine Schreibzeiten ändern. Heute wird mir das nicht gelingen mit meinem müden Kopf. Zwei Tage einen anderen Tagesablauf erzwingen, dann gibt es einen neuen Rhythmus. Am liebsten würde ich gar nicht mehr rauchen. Aber dann kann ich nicht schreiben; das ist keine Einbildung. Um das zu ändern reichen zwei Tage nicht. Weitverzweigte biochemische Prozesse müssen umgesteuert werden. Das ist jetzt nicht der Moment dafür. Es ist nie der Moment dafür. Dass das so ist, das ist die Sucht.

Heute über Peter oder über den Bürger Großkotz alias Kneipen-Pinocchio alias Verreckling. Die Emotion hinter allen drei Namensgebungen ist weg. Es gibt keinen Anlass mehr über ihn zu schreiben. Der äußere Anlass liegt morgen eine Woche zurück. Einen Groll gegen ihn habe ich nicht (mehr). Die gelassene Position gestern beim Drauflosschreiben gefunden, dass es ein Gewinn für die Menschheit ist, dass ein Charakter wie dieser (schon ein schäbiger Charakter) sich selbst aus dem Verkehr zieht, so ist es zu sehen, mehr gibt es über ihn nicht zu sagen. Das kann ich tun. Was noch? – Zurückblicken auf meine Kneipenexistenz? – Gähn! – Oder das Sujet benutzen, um zu üben, um an meiner Rolle rumzuprobieren? – Übung: Unaufgeregt und friedfertig sein und trotzdem noch nicht tot. Das. – Oder Peter. Das wäre nun mit Anlass, dass er mich anödet mit den paar Geschichten, die er immer wieder erzählt, und mit seinen sexuellen Assoziationen. Aber in aller Freundschaft. Das ist so. Aufhänger: sein Streit mit Caro, dem zu Besuch bei ihm weilenden Skype-Gespenst. Der Gesprächsvorfall, bei dem sie sich über seinen Machismo beschwert, er den Vorfall erklärt damit, dass sie in den Wechseljahren ist und ich inzwischen denke, dass sie sich einfach nur abgestoßen fühlte von seinen als zudringlich empfundenen ständigen sexualitätsbezüglichen Bemerkungen, die mich auch annerven in ihrer Monotonie und Dumpfheit. Beginnen mit dem Bericht vom Besuch des Skype-Gespensts, das Gespräch, in dem sie gesteht, dass sie eine Unterhose auch schon mal zwei Tage trägt. Dann erst mal, wie er sich darauf rühmt, dass er seine Unterwäsche täglich wechselt, rühmt, weil die Selbstverständlichkeit hätte er an dieser Stelle auch für sich behalten können, da sie, darüber sprechend, dass sie nicht so sauber und ordentlich ist wie ihre Mutter es ist und es ihr zu sein eingebläut hat, da sie dieses Geständnis macht und er, nachdem er sich gerühmt hat, gönnerhaft und zotig zu ihr sagt, dass er sie dafür ja a u c h liebt, für ihren Geruch. Leider erinnere ich seine Bemerkung nicht mehr genau; das würde also schon mal Mühe machen. Insgesamt wäre das aber ein guter Einstieg, um darauf zu kommen, womit er mich anödet, mit seinen ständigen sexualitätsbezüglichen Bemerkungen und den ständig wiederholten vier oder fünf Geschichten. Das wirklich nicht zu fassen. Demenz kann das noch nicht sein. Dann ist es entweder der Suff oder Symptom einer schon obszönen Selbstgefälligkeit – er erzählt die Geschichten eben gerne und der Zuhörer ist ihm völlig egal. Ich glaube, es ist der Suff. Er ist definitiv ein Alkoholiker. Erkennbar am Leugnen seines Alkoholproblems. – Unterhose, Übermännchen-Rhetorik, erzählerischer Wiederholungszwang, der Alkoholismus, der mich letztlich aber nichts angeht – der geht nur ihn an, denn nur er kann etwas daran ändern, indem er ihn sich eingesteht -, das also am Rande oder gar nicht. Und das an einem Tag, an dem die Naturkatastrophe in Japan sich möglicherweise ausweitet zu einem Kernkraftwerk-GAU? – Kernschmelze, hat es das schon mal gegeben? In Tschernobyl ist es nicht so weit gekommen, oder? (Später: Doch, du Trollo!) Hat es in Three-Mile-Island eine Kernschmelze gegeben? - Was passiert bei einer Kernschmelze? – Das ist so ein Tag, um ununterbrochen das Fernsehen eingeschaltet zu haben und dann führt das Warten auf neue Nachrichten, die zähe Nachrichtenlage führt schließlich dazu, dass die Zuschauer den schlimmsten anzunehmenden Fall herbeisehnen, damit endlich etwas passiert – denn wozu sitzt man denn hier, bitteschön. Würden sie natürlich nie sich eingestehen. Ist das wirklich so? Kaum vorstellbar, dass ich einer der Wenigen bin, der das erkennt. – Es gibt immer, zu jeder Zeit ein Reservoir dessen, worüber man nicht spricht. Was nicht heißt, das das Verschwiegene nicht gewusst wird.

Wie heißt die amerikanische Stadt, wo es den Reaktor-Unfall in einem Kernkraftwerk namens Three-Mile-Island gab? – Die Frage nehme ich jetzt mit auf den Weg. Besorgungen. Dann Mittagsschlaf. Dann Schreiben. Ist das Leben nicht wundervoll?

Drei Minuten nach Schließen der Datei darauf gekommen: Harrisburg. – Im Reformhaus Höfeler mit Herrn Höfeler über den Reaktorunfall in Japan gesprochen. Ursprünglich geplant, den Post von heute in BzB damit einzuleiten. Mit dem Satz der Kundin in meinem Alter, die uns zugehört hat und sagte: Das würde ich gerne mal erleben, was das für ein Gefühl ist, wenn die Erde bebt. - Bin ich besser? - Satz des Tages, gelesen im Nachrichtenticker von N24, als ich in der Back Factory an der Kasse stand und auf den Flachbildschirm an der Wand schaute, auf dem Bilder zum Reaktorunfall im japanischen Erdbebengebiet zu sehen waren. Satz: Fünf  Personenzüge mit Insassen vermisst. – Hinterher eine halbe Stunde lang nicht von dem Kalauer losgekommen: Fünf Personenzüge samt Inhalt vermisst.

+++Gute Nachrichten aus Miyagi+++
[19.29 Uhr] Laut der Zugbetreibergesellschaft Japan Rail sind die in der Präfektur Miyagi vermissten fünf Züge alle wieder aufgetaucht, nachdem jeglicher Kontakt abgebrochen war. Es gibt keine Meldungen über Verletzte, alle Fahrgäste sind in Sicherheit, die Zugbesatzung ist wohlauf.

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