Samstag, 26. März 2011

Dynamik

Nichts über den Vorhang der Nachbarin. Bildgeschichte oder keine Geschichte. Ohne Worte. Worte über die Nachbarin erst wieder, wenn es Worte von ihr gibt. Wenn ich dann nicht so sprachlos bin (überwältigt), dass es erst recht keine Worte geben wird, oder Schweigen aus Diskretion. Tagtraum.

Mail Peters zum Posting von gestern. Beschwerde: So verlogen ist er auch wieder nicht, wie ich es darstelle. Und nachsichtig sei er auch – indem er es erträgt, was ich alles über in schreibe. Das stimmt, das bewundere ich auch und habe es reichlich ausgenutzt. Nicht, weil ich ihn vorführen wollte. Aus Faszination darüber, wie er ist. Und auch, weil ich die Gelegenheit genutzt habe, einen anderen Menschen aus solcher Nähe betrachten zu können. In einer exemplarischen Situation. Gestern Früh noch gedacht, dass ich nichts anderes machen könnte, als Peter zu beobachten in dieser exemplarischen Situation: Krankheit, Misstrauen gegenüber der Medizin, Todesangst; drohender Verlust der Arbeit, dramatischer Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand; dramatisch, weil früher als erwartet; und dazu noch der Verlust der jungen Geliebten, der er immer noch nachweint, buchstäblich, bitterlich. Das sind dann die Momente, wo ich sanft und liebevoll und – vergessen das Wort im Posting – verständnisvoll sein kann zu ihm. – Ihn lieb haben und mich lieb haben kann dafür, dass ich so sein kann. Nicht so sein zu können, ein noch größerer Mangel, als entgegengebrachtes Verständnis und Liebevolles zu entbehren. Scheint so. Denke ich mir so auch aus Pragmatismus. – Mich darauf beschränken gegenüber Peter. Ihn nicht mehr beschreiben? – Wenn ich konsequent bin, war das gestern der Schlusspunkt der Peter-Beobachtung und –Beschreibung in Biest zu Biest. Nicht geplante Wendung. Gekommen aus dem wachsenden Unbehagen beim Schreiben des Textes, Gefühl der Unstimmigkeit. – Mal sehen, was daraus wird.

Der Blog hat immer schon seine eigene Dynamik gehabt und seine Regeln selbst aufgestellt. Dazu gehört es, Sujets abzuarbeiten und dann für immer gut. Kann sein, dass die verstärkte Pressebeobachtung, kritische Auseinandersetzung mit meinen Quellen, in den letzten Wochen sein musste (so peinlich sie mir im Nachhinein ist). Sein musste auch, um mir die Einsicht zu ermöglichen, das ist nicht mein Thema. Geh zurück zu dem Thema, das sonst niemand hat, und wenn Leute sich für den Blog interessieren, dann dafür und nicht für etwas, das sie anderswo substanzieller und ausgewogener kriegen. – Aber da das nun mal meine Interessen sind und damit Teil meines Lebens? – Vorläufige Antwort: Ich schreibe auch nicht über die Beobachtung meiner Scheiße. – Nachsatz: Noch nicht.

Und wie ist es mit selbstkreiertem Feuilleton? – Wenn ich mir den letzten Film von Dani Levy angucke, in dem es u.a. um einen impotenten Mann geht, der geplagt ist von seinen unerfüllbaren erotischen Phantasien? Wenn ich darüber dann schreibe, um das über Peter eingeführte Thema Impotenz fortzusetzen? – Dann ist das im Grunde gar kein Feuilleton, dann ist das eine Reaktion darauf, dass Dani nun schon ein Jahr lang nicht reagiert auf den Schicksenplot, den ich ihm zum Lesen und Begutachten gegeben habe. Dann ist es eine Art Rache für seine mich wurmende Achtlosigkeit mir gegenüber, dass ich mir nun seinen letzten Film anschaue, von dem ich annehme, dass er ein künstlerischer Reinfall ist, und darüber schreibe. Eine geeignete Wochenendbeschäftigung wäre es außerdem. Bedürfnis nach Wochenende. Und heute mal nicht so viel Text. – Wenn nichts passiert, dann einen Text, der an der bevorstehenden Zeitumstellung aufgehängt ist, der verhassten. Aber nur unter der Bedingung: keine Sottisen über die neoliberale Verschwörung, die nach meiner Überzeugung hinter der Einführung der Sommerzeit in den 80er Jahren stand.

Später: Wie gut, dass ich nichts über die Zeitumstellung gemacht habe. Und bei Videoworld den Film von Dani lieber nicht mitgenommen. Nach dem Lesen der Inhaltsangabe gedacht, dass meine Rachsucht so groß nun auch wieder nicht. Der Held der Geschichte heißt Alvy, wie Alvy Singer bei Woody Allen, und nachdem alle sich von ihm abgewandt haben, rät ihm auch noch sein Psychiater zum Selbstmord. - Einzige Verlockung: als seine Ehefrau ist Meret Becker zu sehen. Aber wie lange? Vielleicht fünf Minuten. - Sowieso schon verzagt und dann auch noch so ein Film. Das wollte es nicht riskieren.

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