Was werde ich heute zu erzählen haben? Von der Langsamkeit? Meiner extremen Langsamkeit an diesem Morgen. - Beim Denken an den Blog: Näher ran, geh näher ran beim Schreiben! Form, finde damit eine Form, eine andere als die des Geplapperes, wie gestern wieder. Nichts dagegen. Nur soll es auch anderes geben. Das wird zustande kommen, indem ich näher rangehe. Nahaufnahme, Ausschnitt, Detail. – So ist das Denken während der Langsamkeit.
Nahaufnahme von vorhin. Die ganze Packung Zigaretten, die ich zu haben glaube, ist nicht auffindbar. Suchen. Sie ist nicht da. Nirgends zu finden. Gibt es sie gar nicht? Bilde ich mir das nur ein, dass ich noch eine ganze Packung Zigaretten habe? Gestern Nachmittag gekauft bei Sinan. Habe ich sie liegen lassen im Laden, abgelenkt vom Gespräch mit dem Wiener? Oder habe ich sie geraucht? Bis auf eine Zigarette, die noch in der (alten) Packung war von gestern. Dann hätte ich zwischen 16 und 22.30 Uhr 18 Zigaretten geraucht. Das kann nicht sein. Dann würde ich mich beschissener fühlen. Auf eine andere Art beschissen als mit der Langsamkeit, die auch gar kein Beschissenfühlen ist, sondern ein Gebremstsein.
Happiness is a warm gun (John Lennon). Das Saufen ist ja auch ein Trost (Peter). Und Rauchen ist? – Primitiv. – In den Morgenseiten über Primitivität in meinem Leben: Primitivismen. Welche, bleibt das Geheimnis der Morgenseiten. Rauchen gehört dazu. Aufhören damit primitiv zu sein, indem damit aufhöre Primitives zu tun, war die kleine Erkenntnis. – Alleinsein ist auch primitiv. Als solches nicht gleich erkennbar. Primitiv in diesem Fall: zu einfach. – Mein Alleinsein ist nichts, was mir angetan wird, es ist selbst gewählt. Inzwischen allerdings nicht mehr so leicht zu ändern. Insofern schon Schicksal.
Peter, mit dem ich seit einem Vierteljahr täglich telefoniere. Dadurch bin ich weniger alleine. Aber schon geht es wieder los. Ich ertrage nicht mehr seine immer gleichen Geschichten. Die Monotonie seines Charakters. Erscheint nicht jeder Charakter irgendwann monoton? – Wenn es immer nur Reden ist, wenn man sonst nichts macht miteinander. Bloß nicht Peter abservieren. Das tue ich ihm nicht an. Er braucht mich. Soll er haben. Was können wir miteinander machen außer Reden? Gestern war die Vorstellung, jetzt allerdings erlahmt wegen Langsamkeit: dass ich ihn in ein Drama verwickle, indem ich seine Lügerei nicht mehr akzeptiere und sie zum Thema mache. – Wie soll das gehen? – Gestern war er beim Psychiater, um sich begutachten zu lassen wegen Arbeitsfähigkeit. Während er davon erzählt, wird mir klar, dass er nicht zum zweiten Mal beim Psychiater ist, wie es sein müsste aufgrund seiner bisherigen Darstellung, dass er also den vorigen Termin geschmissen hat. Erinnerung daran, wie er mir damals davon berichtet hat und ich darüber geschrieben habe mit der Aussage, dass er Termine wegen Begutachtung der Arbeitsfähigkeit pünktlich wahrnimmt, im Gegensatz zu Terminen, bei denen es um seine Gesundheit geht. Er kann sich nicht mehr an seine Lügengeschichte erinnern. Nein, er war nicht schon mal beim Psychiater, sagt er und entlarvt damit seine Lüge von damals. Ich insistiere, dass er es mir erzählt hat. und folgere, dass er damals gelogen hat. Jetzt kann er sich doch wieder daran erinnern. Denn als Lügner will er nicht dastehen. Neue Lügengeschichte, warum er sich nicht mehr daran erinnern kann, obwohl er da war. - Wenn man ein notorischer Lügner ist, sollte man ein gutes Gedächtnis haben, was aber bei chronischem Saufen einfach nicht hinzukriegen ist. Wenn man ein chronischer Lügner ist, dann ist die Kardinallüge, dass man kein Lügner ist. – Ist deshalb jeder Versuch, im Gespräch mit einem Lügner sein Lügen zum Thema zu machen, eine Überforderung des Lügners, an der eher das Gespräch scheitert, als dass er aufhört zu lügen? – Mein Reflex, auf Distanz zu gehen zu, mich schließlich abzuwenden von einer Person, die ich als konstitutionell verlogen durchschaut habe. Aus Verachtung, weil ich mich dem Niedrigen und Schmierigen des Lügens nicht aussetzen will. Die Verachtung ist ästhetisch, nicht moralisch. Wenn einer es hinkriegen würde, eine gute Figur zu machen beim Lügen würde ich vielleicht damit zurecht kommen. Einmal hat Peter es geschafft, eine gute Figur zu machen beim Lügen. Von mir zur Rede gestellt wegen einer Lüge, hat er mich verblüfft mit seiner Schlagfertigkeit, mit der er sich mit einer kurzen Bemerkung herausgeredet hat. Zu umständlich, den Vorfall darzustellen. Nur soviel: dass ich damals zum ersten Mal gemerkt habe, dass Peter lügt, und die Schlagfertigkeit, mit der er gekontert hat, als ich es ihm vorhielt, die hat mir gezeigt, dass er ein versierter = notorischer Lügner ist. – Dass ich nicht moralisch bin, könnte dabei helfen, die Verlogenheit Peters im Gespräch mit ihm zum Thema zu machen. Helfen könnte auch, wenn er erkennt, dass ich ihn nicht in die Enge treibe, um ihn vorzuführen. Wenn er versteht, dass nur mit einer offenen Aussprache über seine Verlogenheit unser Gespräch fortgesetzt werden kann, an dem ihm so viel liegt. Wie mir auch. Und deshalb wende ich mich nicht ab in der mir eigenen zu einfachen (primitiven) Art und versuche stattdessen mich einzulassen auf das, was mich abstößt.
Das über das Lügen heute oder morgen posten, um den Konflikt zu verschärfen – ihn in die Enge treiben. – Wozu? Um ihm sein Lügen abzugewöhnen? Wenigstens mir gegenüber? – Das wird nicht gehen. Bescheideneres Ziel: Unserem Gespräch, eine neue Qualität zu geben. Die Monotonie ist nicht die Monotonie seines Charakters. Es ist die Monotonie unseres Gesprächs. Zu der ich beitrage u.a., indem ich über seine Verlogenheit hinwegsehe. – Uns das nicht länger antun!
Später. Die Packung Zigaretten habe ich gestern im Laden bei Sinan liegen lassen.
Satz des Tages: Ausländische Beobachter zeichnen das Bild eines chaotischen Haufens, der teilweise mit dem Taxi an die Front fährt und unter Beschuss gleich wieder kehrtmacht.
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