Donnerstag, 14. April 2011

Robinson Crusoe

Mein Vater hat das Kunststück fertiggebracht, zugleich geizig und sehr großzügig zu sein. Er hat mir wenige Geschenke gemacht. Aber wenn er mir ein Geschenk gemacht, hat es das, was ich mir gewünscht und erwartet habe, jedes Mal weit übertroffen. Das wertvollste Geschenk, das er mir je gemacht, war ein Buch mit einem kartonierten hellbraunen Einband und dunkelgrünem Lederrücken: Daniel Defoe, Robinson Crusoe. Vermutlich werde ich am Ende meines Lebens kein Buch so oft gelesen haben, wie dieses. Es war das Buch meiner Kindheit. Es ist das Buch meines Lebens. Es ist der erste Roman, den ich gelesen habe, bald nachdem ich lesen gelernt hatte. Es hat mich zum Leser von Literatur gemacht und meine Vorstellungswelt geformt wie kein anderer Text. Sein zentrales Thema ist Einsamkeit und ihre Überwindung (Freitag). Robinson Crusoe ist der erste moderne Roman (1719). Er hat eine literarische Form begründet, die 300 Jahre Bestand haben sollte, und mit ihr ein kulturelles Verhalten, die Haltung des Romanlesers, der liest aus Vergnügen und sich in eine phantasierte Welt versetzt, in der er sich selbst begegnet und Sinn findet. Jonathan Franzen schreibt darüber in einem Text, der im aktuellen New Yorker erschienen ist (*). Darin geht es um Franzens Aufenthalt auf einer chilenischen Insel, auf der der Schiffbrüchige gestrandet ist, dessen Schicksal Daniel Defoe zu seinem Roman inspiriert hat. Außerdem geht es um David Foster Wallace, von dem ich gar nicht genug erfahren kann. Ich bin wieder mal ein glücklicher Leser. Morgen lese ich die zweite Hälfte des Franzen-Textes. Mal sehen, vielleicht schreibe ich was darüber in BzB. Auf jeden Fall werde ich auf den Text hinweisen.
(*) Jonathan Franzen, Farther Away - "Robinson Crusoe", David Foster Wallace, and the island of solitude. Der Text ist nicht frei zugänglich. Nur für Abonnenten von The New Yorker und befristet über Facebook, wenn man registriert ist. – Ich habe den Text in eine Word-Datei kopiert. Wer nicht an ihn rankommt, kann ihn in der Word-Fassung von mir bekommen.

Dass das BzB-Posting von gestern so sperrig ist, zeigt, was für einen harten Brocken ich mir da vorgenommen habe: Heimlichkeit. – Ich habe Kreide gefressen beim Schreiben des Textes. Es stimmt, dass mich die Heimlichkeit belastet, dass ich sie als etwas Ungutes empfinde. Und ich will sie beenden. Aber ich kollaboriere auch mit der Heimlichkeit. Sie war mir recht und ganz will ich sie nicht aufgeben. Oh wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß. In dieser Rolle habe ich mir immer gefallen. Aber sie macht einsam, wenn es die einzige Rolle ist. Deshalb jetzt die Aktion, die Heimlichkeit aufzugeben. Auch wenn es etwas Forciertes hat. Die Mail an Bernd habe ich noch nicht abgeschickt. Widerstreben, weil eine innere Stimme sagt: Warum eine so komfortable Situation aufgeben? – Ich werde mich nachher über dieses Widerstreben hinwegsetzen und ihm das Posting von gestern schicken. Und ich werde auch gegenüber den Anderen, über die ich geschrieben habe oder über die ich schreiben werde, von nun an offen auftreten mit dem Bloggen. – Aktion. Übung. – Übung, um mich in eine andere Spur zu bringen, um damit auch Heimlichkeiten, die nur ungut sind, aufzugeben. Aktion, soziales Experiment, um zu erleben, wie sie  reagieren werden, die Beschriebenen. Bernd zum Beispiel.

Das bevorstehende Großereignis zum Thema Aufgeben von Heimlichkeit ist natürlich das Herausfinden des Namens der Frau, von der ich seit zwei Jahren nicht weiß, wie sie heißt, obwohl sie in der Zwischenzeit die mir nächste und wichtigste Person war. – War? – War/ist, ich weiß es nicht. Um aufzuhören zu leiden wie ein angeketteter Hofhund, musste ich versuchen auf Distanz zu gehen. Ich habe aufgehört zu leiden wie ein angeketteter Hofhund (Peter erlebt das gerade. Die Vorstellung davon, was der andere Mann mit seiner ehemaligen Geliebten macht, bringt ihn fast um den Verstand. – Geh doch hin mit deinem japanischen Schwert und haue ihm sein Genital weg, sage ich. – Das reicht nicht, seinen Kopf will ich auch haben, antwortet er. – Ein Blutbad anrichten, sage ich, wirkt sicher entspannend.. – Und sie bringe ich dann gleich auch noch um, sagt er. – Davon rate ich ab, sage ich. So etwas machen nur Idioten. - Witzelei, um ihn abzulenken). – War/ist, Leiden/Nicht-leiden – am besten, am aussichtsreichsten, wenn ich nichts anderes will, und nichts anderes tue, als für den Blog zu handeln - der Frau ohne Namen einen Namen zu geben, indem ich sie nach ihrem Namen frage. – Das sollte gelingen.

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