Peter war am Samstag nicht zu erreichen. Gestern ruft er an. Neue Aufregung. Um Gabi. Er hat bei ihr unter ihrer privaten Nummer angerufen am Wochenende. Sie ist seit drei Jahren (wieder?)verheiratet. Ihr Mann ist eifersüchtig, lässt ihm Gabi ausrichten über eine Freundin. Ihr Mann darf nichts erfahren von ihrem Kontakt mit Peter. Er soll sich zurückhalten. Und darüber empört er sich jetzt: Es muss doch möglich sein, dass er 45 Jahre zurückliegende Erinnerungen mit ihr austauscht. – Oh je! – Ich ergreife die Partei des verheirateten Paares und des Mannes. Gebe zu bedenken, dass der Mann schließlich nicht wissen kann, was Peter von seiner Gabi will, dass Peter das nicht mal selbst weiß, und es gar nicht anders sein kann, dass der Mann irritiert ist. Was rufst du auch am Wochenende unter ihrer Privatnummer an, du weißt doch, dass sie verheiratet ist? Andererseits ist doch gar nichts Schlimmes passiert; der Mann hat dich nicht angerufen und dir damit gedroht, am nächsten Tag vor deiner Tür zu stehen, um dich aufzufordern, die Sache unter Männern auszumachen, so dass du endlich mal weißt, warum du aus der Nase blutest. – Peter hält dagegen, dass es ums Prinzip geht: Es muss doch möglich sein, dass … und er kann ihr doch nicht vorschreiben, was sie macht. – Ich nenne mögliche Gründe, warum er das doch machen kann und sie es sich gefallen lässt. Ich komme dabei auf meine Erfahrung mit der Eifersucht des Professor genannten Mannes der Contessa-Frau. Die Eifersucht, die dazu führt, dass wir nicht miteinander reden dürfen und ich bis heute nicht einmal ihren Namen weiß. Es ist menschlich verständlich, dass er eine Grenze zieht. Dass er sie so eng zieht ist bitter. Dass er das kann und sie es zulassen muss, ist ein großes Unglück. Ein Elend genau genommen. Denn es verweist darauf, dass sie in einer Abhängigkeit von ihm ist, die er gegen sie verwendet. Aber auch das ist verständlich, dass er es tut. Er kann es, also tut er es. Mir unverständlich ist nur, warum er meint, das nötig zu haben. Warum er sich seiner selbst so wenig sicher ist. – Er ist gesellschaftlich und finanziell weit besser gestellt als ich und er ist zwölf, vierzehn, vielleicht sogar 16 Jahre jünger als ich; sie hat ihre Wäsche in seinem Schrank, sie wäscht seine und liegt in seinem Bett. Er hat alle Trümpfe in der Hand, sage ich. Wie unsicher muss er sein - sich seiner selbst unsicher, der Frau unsicher -, dass er es nicht einmal zulässt, dass sie mit mir redet. – Ein Fall von krankhafter Eifersucht? Wenn es so etwas gibt. Wenn das als krankhaft Hingestellte an der Eifersucht nicht eine Reaktionsbildung ist auf etwas, das bei dem Paar nicht stimmt. Darüber habe ich geschrieben, die Mutmaßungen darüber stehen alle im Blog. Es hat nichts geholfen. Er hat das letzte Sagen. Das zum Professor und der Contessa-Frau. – Darauf gekommen bin ich an der Stelle, als Peter sagte, der Mann von Gabi interessiert mich nicht, und ich geantwortet habe, dass ich das auch immer gesagt habe, dass mich der Mann von der Contessa-Frau nicht interessiert. Doch am Ende musste er mich doch interessieren, weil er mir beharrlich im Weg steht. Das ist Unglück. Das ist großes echtes Drama. Peters Geschichte mit Gabi dagegen ... – was willst du denn überhaupt von ihr? – Inzwischen hat er nämlich aktuelle Fotos von ihr gesehen. - Und? – Sie ist dick und unansehnlich. – Also was willst du von ihr? Doch nur Erinnerungen austauschen. – Peter: Ich sterbe bald. Ich will aufräumen. – Ich erschrecke über den Ton und die Bestimmtheit, mit der er das sagt, und frage besorgt: Gibt es Neuigkeiten, die du mir verschwiegen hast? – Peter: Kommende Woche wird es Neuigkeiten geben. – Ich bin erleichtert und weise ihn zurecht: Du hast Angst davor zu sterben. Das kannst du sagen. Aber du kannst nicht sagen, dass du bald sterben wirst. Weil du das nicht weißt. – Aber warum sagt er es dann? Ich sterbe bald. Ich will aufräumen. – Gestern habe ich ihm unterstellt, dass er ein Melodram aufführt. Dass er das also spielt. – Stimmt das? - In seiner Angst ist er überzeugt davon, dass er sterben wird. Und insofern ist es kein Spiel, wenn er tut, was Menschen tun, die wissen, dass sie bald sterben werden: aufräumen. – Aber es muss doch auch noch etwas anderes in ihm geben. Etwas, das ihn hoffen lässt, dass es gut ausgeht. Dass er nicht stirbt. Und von da aus gesehen, ist das Melodram um das Aufräumen eine Farce, das Ausleben einer masochistischen Phantasie. – Es ist schon schade, dass ich nicht mehr schreiben will über ihn in BzB. Trotzdem, ich bleibe dabei. Es ist eine Geschichte für sich. Sie ist es wert, aufgezeichnet und verstanden zu werden. Vielleicht kann ich Peter dazu bringen, es selbst zu tun.
Morgenseiten: Das Gedankliche, das vertrieben werden soll aus meinen Texten, versucht sich interessant zu machen mit neuen Einsichten über seinen Charakter: Mein Denken ist Sicherheitsdenken, erkenne ich heute in den Morgenseiten. Nicht auf Sicherheit bedachtes Denken. Die Art, wie ich denke und wozu ich das Denken gebrauche, macht es zu einem Sicherheitsdenken. Es ist wie das Festhalten am Handlauf beim Treppenruntergehen. Wie die zwei Stützräder am Hinterrad eines Kinderfahrrads. Mein Denken ist entstanden zwischen 12 und 15. Als ich mich aus der Obhut der Eltern löste und anfing mein eigenes Leben zu leben. Ich muss damals Angst gehabt haben, dass das schief gehen könnte (vielleicht, weil sie mir das eingeredet haben; weil sie meinten, dass ich mich zu früh selbständig mache). Mit dem Denken, das ich gut konnte, noch bevor ich etwas anderes konnte, mit Analyse und Logik, habe ich das Risiko des Unternehmens Ich-selbst-sein zu begrenzen versucht. – Worauf will das Denken nun hinaus? – Mir zeigen, dass es auch noch andere Arten zu denken gibt?
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