Heute habe ich Angst vor dem Anruf Peters. Er ist heute Vormittag im Virchow-Klinikum. Sie wollen noch einmal eine MRT machen, um sich seinen Thorax anzusehen, wie sie es formuliert haben. Danach wird er ein Gespräch mit der Ärztin haben, die vor zwei Jahren in der Klinik zu ihm ins Zimmer gekommen ist mit den Worten: Bingo! Habe ich es nicht gesagt? Krebs! – Dass so mit ihm geredet wird von Ärzten, liegt daran, wie Peter ihnen gegenüber auftritt. Auch da will er der lustige brave Junge seiner Mutter sein, den die sich herangezogen hat. Peter ist ein Erziehungsopfer. Mit 61 Jahren immer noch ein Erziehungsopfer. Und sowieso schon durcheinander und am Boden wegen Lebenskrise und Suff, und jetzt zum zweiten Mal eine Krebsdiagnose, die voraussichtlich die letzte in seinem Leben sein wird – davor habe ich Angst. Was für Angst wird er erst gehabt haben gestern und vergangene Nacht und auf dem Weg in die Klinik heute Morgen. Ich könnte es zum ersten Mal verstehen, wenn er nicht hingegangen ist. - Seinen Thorax angucken! – Oh! habe ich gedacht und nichts gesagt, als er mir das gestern erzählte. Und so ist es ihm bestimmt auch gegangen, als sie ihm gestern Früh gesagt haben, warum sie ihn noch mal in die Röhre schieben wollen. – Bei unserem Gespräch am frühen Abend, bei dem er mir das erzählt hat, habe ich gar nicht gleich gemerkt, wie betrunken er ist. Kann auch sein, dass er sich erst während des Gesprächs den Rest gegeben hat. Irgendwann merkte ich, dass er mir nicht mehr folgen konnte und dann habe ich es auch schon gehört, dass er eine schwere Zunge hat. Peter, du bist besoffen, habe ich zu ihm gesagt. – Er hat es abgestritten. Ich habe nicht insistiert, ich habe ihm auch keinen Vorwurf gemacht. Ich habe ihm nur noch klargemacht, dass er sich täuscht, wenn er glaubt, dass man das nicht merkt, wie er es sich gegeben hat. Die Verlogenheit, die er ohnehin schon hat als Erziehungsopfer, denn anders als mit Verlogenheit ist das nicht hinzukriegen, stets der lustige brave Junge seiner Mutter zu sein. Und dazu noch die Verlogenheit = Selbsttäuschung, die mit dem Saufen verbunden ist. Gut möglich, dass er sich nicht nur täuscht darüber, wie er auf andere wirkt in seinem Suff, sondern seine Besoffenheit selbst gar nicht mehr mitkriegt. Die Lügen, die man jemandem nicht vorwerfen kann, weil sie nur eine Konsequenz sind des Sich-selbst-Belügens. – Aber das ist jetzt alles nicht wichtig, es ist auch völlig in Ordnung, dass er es sich gestern Abend gegeben hat, habe ich hinterher gedacht und mich geärgert über meine Strenge. Denn: Wann soll er sich besaufen, wenn nicht am Vorabend eines Kliniktermins, wie er ihn heute hat. Der Vorteil von Leuten, die beten können. Für Peter würde ich beten.
Geduzt. Es ist immer die gleiche Geschichte. Und sie wird nicht interessanter durch die wechselnde Besetzung meines Gegenübers. Ich komme aus meiner Einsamkeit mit meiner linkischen, verschrobenen Art. Mit meiner tapsigen Zutraulichkeit verwickele ich eine andere Person in eine Szene, in der es zu einer Irritation kommt, Unverständnis oder Missverständnis, Missklang, den nur ich empfinde oder auch die andere Person, und dann ziehe ich mich zurück, da es ohnehin nur eine flüchtige, beiläufige Begegnung ist. Ziehe mich zurück in Lakonie. Das immerhin der Fortschritt, dass es Lakonie ist, eine lakonische Kommentierung meiner selbst, und nicht Beschwerde oder Klage über die andere Person. Aber es wird nicht interessanter mit diesem Fortschritt. Interessant wäre es, wenn ich einmal von etwas anderem zu erzählen hätte als vom Misslingen. Dabei wäre Gelingen schon, wenn es einmal mit etwas anderem als mit lakonischem Befremden enden würde.
12.30 Uhr hat Peter angerufen. Die Röhre, in die sie ihn geschoben haben, war dieses Mal keine Magnetresonanztomographie-Röhre, es war eine Computertomographie, die sie gemacht haben. Mit seiner Lunge ist anscheinend alles in Ordnung. Aber der Knubbel könnte im schlimmsten Fall Lymphknotenkrebs sein. Zur gründlichen Untersuchung vier Tage Krankenhaus übernächste Woche. Und die Ärztin ist dieses Mal behutsamer mit ihm umgegangen. Sie hat mir Mut gemacht, meinte er und hat dann erzählt, dass er sich ein bisschen verliebt hat in sie. Peter!
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