Dienstag, 19. April 2011

Lebenshilfe

Duschszene mit dem griesgrämigen Mann. Heute gar nicht griesgrämig, fragt mich, wie es mir geht, und auf meine Antwort, dass die Stimmung im Laufe des Tages sich hoffentlich verbessert, empfiehlt er, bei Ostern mitzumachen, und denkt dabei an den Verzehr von Schokoladeneiern. Kommt für mich nicht in Frage; es graust mich, wenn ich daran denke, wie ich es mir im Winter mit Süßigkeiten gegeben habe. Ich erwähne ihm gegenüber nicht den Artikel in der New York Times von letzter Woche über die Toxizität von Zucker, bei dessen Lektüre es mich noch mehr gegraust bei der Erinnerung an meine Schokolade- und Gebäck-Exzesse in den Wintermonaten. Und zu dem geplanten Experiment, ihn zu duzen, obwohl er so wert auf das Siezen legt, fehlt mir die Ausgelassenheit. Siezen will ich ihn aber auch nicht. Ich vermeide also die Anrede und verschiebe das Experiment auf ein andermal.

Gestern Nachmittag auf der Treppe vor einer Haustür ein Bücherstapel, hingelegt zum Mitnehmen. Ich schaue mir die fünf Bücher an – alles Lebenshilfe. Zweimal allgemeine Lebenshilfe, dreimal Frauenthemen (Das Nein in der Liebe). Gehe weiter; an der nächsten Ecke mache ich kehrt. Könnte ich da nicht was drüber schreiben? – Ich lese die Titel der fünf Bücher meinem Sony-Aufnahmegerät vor. Gehe weiter. Interview mit einem Bücherstapel könnte ich machen. Wäre es da nicht besser, wenn ich die Bücher zur Hand hätte? – An der Ecke mache ich kehrt, nehme die Bücher mit. – Wenn ich das Interview nicht mache, trage ich die Titel der Bücher hier nach. Die Frau hatte offenbar ein Thema mit Männern und mit ihrer Frauenrolle. Jetzt hat sie die Bücher aussortiert. Hat sie das Thema jetzt nicht mehr? - Interview mit einem Bücherstapel.

Der andere Grund, warum ich den Plan aufgegeben habe, war, dass mir eingefallen ist, dass ich vor kurzem erst beschlossen habe, mich um niemanden mehr zu bemühen, weil nichts Gutes daraus wird aus dem Bemühen, weil das Bemühen immer nur zu etwas Bemühten führen wird. – Am Nachmittag überlegt, ob ich darüber in BzB schreiben soll. Botschaft zur anderen Straßenseite mit dem Schlusswort, dass ich eine Frau nicht kennenlernen will, deren Namen herauszufinden einen Plan und eine Aktion mit ungewissem Ausgang erfordert. Statt darüber lieber über das Liebespaar geschrieben mit dem Zusatz über die James-Blake-Version des Feist-Songs und der hervorgehobenen Zeile: Like a map with no ocean. – Das trifft es besser und ist kein Schlusswort, sondern nur aktueller Kenntnisstand. Aber das mit dem Bemühen hat in mir weiter gearbeitet: Sich um jemanden bemühen ist ungut. Und ganz besonders ungut ist, wenn Männer sich um Frauen bemühen (müssen). Und Frauen, die es darauf anlegen, dass Männer sich um sie bemühen, sind … . – Aufgehört damit. An die Lebenshilfebücher mich erinnert. Situativ richtige, weil brauchbare Einsichten werden zum Blödsinn, wenn sie zu einer Theorie ausgesponnen und zu einer Botschaft gemacht werden. Siehe meine Einsicht über das Bemühen. Vorstellung, der zu sein, der aus seinem Missgeschick im Leben eine Lebenshilfebotschaft macht: ein Buch schreiben will über die Falschheit des Sich-Bemühens. Das ist natürlich eine Komödie. Endlich mal wieder eine Komödie? Und die Hauptrolle übernehme ich? Mein erstes Engagement als Schauspieler meiner selbst?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen