Donnerstag, 28. April 2011

Bilder/Gefühle 1

Das aktuelle tägliche Bild von ihr ist ein Fenster mit zugezogenen weißen Vorhängen. Variationen des Faltenwurfs. Ganz zugezogen wie jetzt oder spaltbreit geöffnet. Licht im Zimmer oder nicht; gedämpftes Licht, helles Licht. Das ist eine Zeichensprache. Mit den Zeichen antwortet sie auf das, was ich schreibe. Sie selbst habe ich in der Wohnung gegenüber schon lange nicht mehr gesehen. Einmal vor zwei Wochen habe ich im Wohnzimmer gegenüber ihren Freund gesehen und eine Frauengestalt. Im Halbdunkel des Zimmers nur als Silhouette auszumachen; deutlich zu erkennen war nur, dass die Frau in dem Zimmer lange Haare hatte. Als ich sie die letzten Male draußen gesehen habe, zweimal im Januar und letzte Woche in der Passage vor der Rolltreppe hatte sie kurze Haare. Die kurzen Haare passen zu ihr, habe ich gedacht, und dass es etwas zu bedeuten hat, wenn eine Frau sich ihre langen Haare abschneidet, dass sie dann in ihrem Leben etwas verändern will. Ein paar Wochen zuvor hatte ich geschrieben, sie soll doch endlich mal was Neues machen, nicht immer das Gleiche, wenn sie sich mir zeigt im Zimmer gegenüber. Das hat sie damals noch getan. Da waren die Vorhänge noch offen und manchmal konnte ich sehen, wie sie vor dem Spiegel stand und sich ihre nassen, frisch gewaschenen Haare gebürstet hat. Mach doch mal was Neues, schneid Dir doch mal Deine Haare ab, habe ich geschrieben. Als ich sie dann zum ersten Mal mit den kurzen Haaren gesehen habe, da habe ich mir eingebildet, dass das etwas mit dieser Aufforderung zu tun haben könnte, und sie mir damit zeigt, dass sie etwas ändern will in ihrem Leben, was in meiner Einbildung nur bedeuten konnte, dass sie weg will von dem Mann da drüben in der Wohnung. Ich habe mir das wieder ausgeredet, wie ich mir alles auszureden versuche, von dem ich erkenne, dass es eine Einbildung ist. Und es hat sich auch nichts geändert. Auf jeden Fall nichts zwischen ihr und mir. Es war, wie es immer war, als wir uns begegnet sind. Keine Unbefangenheit, keine Selbstverständlichkeit von zwei Personen, die sich seit mehr als zwei Jahren immer wieder sehen und auf eine merkwürdige Art miteinander zu tun haben. Nur ernste Blicke des Erkennens, einmal ein Lächeln, aber dann ist sie auch schon gegangen, und als ich ihr hinterher gehen wollte, war sie verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Auch das immer wieder erlebt von ihr. Alles so wie es immer war. Und sonst die Zeichensprache mit dem Fenster und dem Licht. Der nicht abreißende Kontakt auf diese Art. Ihre Beharrlichkeit. Dass sie nicht aufgibt. Aber was gibt sie nicht auf? Und ist sie denn überhaupt noch da drüben in der Wohnung? Warum habe ich sie noch nie in der Wohnung gesehen mit ihren kurzen Haaren? War die Frau im Halbdunkel neulich die Ex-Frau ihres Freundes, mit der er jetzt wieder zusammen ist? Nachdem sie ihn verlassen hat? Oder wohnt sie nur nicht mehr in der Wohnung gegenüber? Aber wenn sie nicht mehr da wohnt, was hat es dann mit dem Fenster und den Lichtzeichen auf sich? – Verwirrung. Seit ich sie zum ersten Mal bemerkt habe, seit ich sie kenne, Verwirrung: Fragen mit zu vielen möglichen Antworten, Mutmaßungen. Phantasien. Wenn sie das doch war neulich im Halbdunkel des Wohnzimmers gegenüber? Wenn sie sich gar nicht ihre langen Haare abgeschnitten hat? Wenn sie eine Kurzhaarperücke getragen hat, als ich ihr begegnet bin die letzten Male? Aber warum sollte sie das tun? Was für ein Aufwand! Nur um mich zu verwirren? Warum denn mich verwirren? Wer bin ich denn für sie? Jemand, den sie ernst anblickt, allenfalls knapp anlächelt und danach so schnell wie möglich verschwindet, um mir bloß nicht die Möglichkeit zu geben, sie anzusprechen. Unmöglich. Keine Perücke. Ihre kurzen Haare. Ein Schnitt, der aussieht, als hätte sie sich selbst die langen Haare abgeschnitten oder eine Freundin hätte es gemacht für sie. Das Gegenteil eines 80-Euro-Schnitts und auch das Gegenteil der künstlichen Perfektheit, wie eine Perücke sie hat. Ihre Haare. Haare, die mal so, mal anders liegen. Die manchmal einen schlechten Tag haben. Die nicht so wollen, wie sie will. An denen immer zu sehen ist, wie es ihr gerade geht. Als ich sie das letzte Mal sah, als sie so blass war, die Haare so, dass sie aussahen, als müssten sie mal nachgeschnitten werden. Aber das kann sie sich nicht leisten. Eine Frau, die sich keinen Haarschnitt leisten kann bei einem Friseur, und schon gar keinen teuren. Das ist sie. Und das ist auch eine Phantasie. Alles nur Phantasien. Zu viele Fragen. Verwirrung. – Ist Verwirrung ein Gefühl? – Ein Bewusstseinszustand ist Verwirrung. Geisteszustand, state of mind. Selbst kein Gefühl. Aber Gefühle auslösend. Überdruss. Resignation. Genug von der Verwirrung, von den Fragen mit den zu vielen Antworten. Ärger. Groll. Sie legt es darauf an, mich zu verwirren. Sie spielt mit mir, um sich die Langeweile zu vertreiben, die sie hat im Leben mit ihrem Freund, mit dem sie sich vertan hat, ernüchternde Erfüllung eines kitschigen Mädchentraums. Aber jetzt sitzt sie da fest, aus Gründen, die ich mir nicht erklären kann. Lieber nicht darüber phantasieren. Und nichts Schlechtes mehr über ihn. Ihm habe ich es zu verdanken, dass es sie gibt in meiner Nähe. Wäre sie nicht bei ihm, wäre ich ihr nie begegnet. Hätte ich diese merkwürdige Geschichte nicht erlebt. Wäre ich allein.

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