Montag, 25. April 2011
Kreis
Sich das Herz brechen, wie man sich ein Bein bricht oder einen Arm aus Ungeschick oder wegen einer Waghalsigkeit. Nicht ihr und mein, nicht unser Drama. Mein Drama. Weil sie hat mit meinem Drama gar nichts zu tun, jedenfalls nicht so, wie ich es mir vorstelle in meiner romantischen Egozentrizität. Warum sie trotzdem sich nicht schon längst zurückgezogen hat und immer wieder auftaucht in meinem Drama, das kann ich mir nicht erklären. Dazu müsste ich mit ihr sprechen. Das kann ich aber nicht, weil ich nicht auf sie zugehen kann, aus Gründen, von denen der wichtigste möglicherweise der ist, dass ich Angst vor ihr habe. Was aber vielleicht auch eine Übertreibung ist. Denn kann es nicht auch so sein, dass es einfach nur keine Selbstverständlichkeit und keine Unbefangenheit gibt zwischen ihr und mir? Dass ich, der mit so gut wie jedem reden kann, der vor nichts so wenig Angst hat wie vor anderen Menschen, das eben nicht kann, auf sie zugehen, und es deswegen auch bleiben lassen sollte. Denn es wird schon etwas zu bedeuten haben, dass es keine Unbefangenheit gibt zwischen uns und keine Selbstverständlichkeit mit ihr. Wenn es so ist, was will ich dann noch? – Verstehen, was mir da passiert ist? – Wozu? – Das Verstehen wird nichts daran ändern. Es wird ein Sich-Drehen im Kreis sein. Denn immer wieder wird es diesen die Kreisbewegung fortsetzenden Drall geben: Es ist so, aber es ist auch anders. Es ist wohl so, wie ich es gestern verstanden habe, dass es bei dem nicht zustande gekommen Treffen im Restaurant nicht um mich gegangen ist, dass ich da nur eine Randfigur war. Und das tut weh, das nachträglich zu begreifen. Dann kann ich mir dumm vorkommen und zerknirscht sein. Doch dann muss ich mir sagen, dass es schon so gewesen sein mag, aber dass es auch Eindrücke gibt, die dem widersprechen. Dass bei dem anderen Treffen, aus dem nichts geworden ist, im Einstein in der Kurfürstenstraße, dass ihr da nicht ihr Freund hinterher telefoniert hat und ihr Druck gemacht oder sie besänftigt hat nach einem Streit, sondern dass sie sich da ganz offensichtlich nicht getraut hat, herzukommen an den Tisch, an dem ich saß und auf sie gewartet habe, den Eingang im Blick. So dass ich sie gesehen habe, wie sie hereinkam, im Vorraum stand, sich umgeschaut hat, mich bestimmt entdeckt hat, doch dann auf dem Absatz kehrt machte und verschwand. Andere Eindrücke: Sie auf der anderen Straßenseite vor der Ausfahrt des Hauses, in dem sie wohnt. Sie winkend. Und ich habe ihr zugelächelt und bin nicht zu ihr hingegangen, weil ich mir eingebildet habe, dass sie das nicht will, und weil ich sie nicht bedrängen wollte. – Sie, wie sie sich am Fenster gezeigt hat, stumm, bewegungslos und dann hat sie sich zurückgezogen ins Halbdunkel des Zimmers. Weil ich nur dastand und nichts getan habe, als ihr zuzulächeln, nicht zu ihr hinüber gerufen habe, nicht versucht habe, mich mit Zeichen zu verständigen mit ihr, um mich draußen mit ihr zu treffen, jetzt, sofort? Oder wollte sie sich mir nur zeigen, wollte sie gar nicht mehr? – Wie an einem anderen Abend zuvor, einem späten Abend, als sie in einem langen weißen Nachthemd ans Fenster trat und dann vor meinen Augen ihr Nachthemd ausgezogen hat und mir ihre ganze Schönheit gezeigt hat – nackt vor mir stand, lange genug, dass ich das Bild nie wieder vergessen konnte, und darauf sich abwandte, ihr Nachthemd wieder anzog, ihr Bettzeug aufschüttelte und dann das Licht löschte. Was wollte sie da? Wirklich nur, sich mir zeigen? Oder würde ich, wenn ich diesen Moment so betrachten würde, wie ich die Situation der Restaurant-Verabredung betrachtet habe, auch darauf kommen, wie dumm ich da war? Verblüfft, verzaubert, verwirrt – nur verblüfft, nur verzaubert, nur verwirrt, statt zu verstehen, was sie mir damit sagen wollte, als sie mir ihren Körper gezeigt hat. Dass es eine Aufforderung war. Kann das sein? – So und auch wieder anders: All die anderen Gelegenheiten, bei denen ich auf sie zugehen wollte, ich sie aufgefordert habe zu einem Treffen, jetzt, sofort – und sie sich scheu zurückgezogen hat, zurückgeschreckt ist und dann hat es gleich darauf einen dieser ganz besonders eindrucksvollen Auftritte ihres Freundes gegeben, mit denen er mir gezeigt hat: Ich bin hier, wo die Prinzessin ist, du bist dort drüben und da hast du zu bleiben. – Immer weiter, im Kreis. Denn immer wieder: es ist so und es ist auch anders. – Soll das die Erzählung sein? – Die gibt es doch schon. Steht alles im Blog. Kann allenfalls ergänzt werden mit Momentaufnahmen von ihr, die noch nicht beschrieben sind. So viele sind das nicht mehr. Was noch fehlt, um die Merkwürdigkeit ein wenig verständlicher zu machen, das ist, wie alles angefangen hat, wie es angefangen hat, bevor es für mich angefangen hat. Doch so weit ist es noch nicht, das zu erzählen. Noch denke ich, dass ich das gar nicht erzählen sollte. Kann allerdings auch sein, dass ich nur deshalb meine, es nicht erzählen zu sollen, weil ich noch nicht weiß, wie ich das tun soll – damit es nicht missverstanden wird, damit es in der Selbstverständlichkeit erscheint, die es hat für mich und für sie. Es ist die einzige Selbstverständlichkeit, die es zwischen uns gibt. Wobei es sein kann, dass es diese Selbstverständlichkeit nur für uns hat, und es deshalb besser ist, wenn ich das für mich behalte, was ich darüber weiß, was ich zweifelsfrei weiß darüber, wie alles angefangen hat.
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