Mittwoch, 6. April 2011

Belletristik

Mir fällt ein, wie Literatur-AutorInnen sich mokieren, wenn sie es bei Lesungen erleben, dass das Publikum ihre Erzählungen oder ihren Roman eins zu eins, für wahr, authentisch nimmt und dann enttäuscht ist, zu erfahren, dass es selbstverständlich eine Fiktion ist, Literatur, ein Werk der Imagination. Der Autor fühlt sich verkannt und ist entsetzt über die Unbedarftheit des Publikums. – Aber ist das nur Unbedarftheit, die da zum Ausdruck kommt? Ist es nicht auch Ausdruck eines Bedürfnisses, eines Wunsches? – Erzähl mir wahre Geschichten, keine ausgedachten.

Das ist mir eingefallen, nachdem ich in den Morgenseiten hingeschrieben hatte: Ich erzähle mit meinem Leben. Ich schreibe einen Roman mit meinem Leben. - Und jetzt fange ich damit an. Hier im Skizzenbuch. Also Skizze. Entwurf. Experiment. Erste Szene: Buchhandlung Xxxxxxxxx & Yyyyyy in der Xxxxxxxstraße in Wilmersdorf. Gegründet von drei ehemaligen Mitarbeitern der Akazienbuchhandlung. Zwei Frauen, ein Mann. Der Mann war gestern nicht da. Die eine der beiden Frauen ist Hanne, die ich vor etwa zwölf Jahren kennengelernt habe als Freundin einer Freundin, Inge. Für Hanne habe ich mich einmal interessiert. Jetzt interessiere ich mich für das Buchgeschäft. Ich sage zu Hanne, dass ich mir überlege, ins Buchgeschäft einzusteigen, und ihr deshalb ein paar Fragen stellen möchte. Zum Thema eBooks. Verkaufen sie denn eBooks, eBook Reader wie Kindle meine ich? – Nein. In den dreieinhalb Jahren, die ihr Buchladen besteht, hat ein einziges Mal jemand nach einem eBook-Reader gefragt. Ein Mann wollte sich so ein Gerät einmal angucken. Aber sonst? Vor drei Jahren auf der Buchmesse war das eine große Sache. Alle großen Verlage haben sich präsentiert mit eBooks. Aber das hatte keine Folgen. Zum Glück nicht. – Dann hat das eBook-Angebot also keinen Einfluss auf ihr Geschäft? – Zum Glück nicht, wiederholt Hanne. Bei Fachbüchern spielt es sicherlich eine Rolle, weil das auch ein anderes Publikum ist. Aber bei Belletristik, da haben die Leute lieber ein schön aufgemachtes Buch in der Hand und lesen lieber Gedrucktes als einen Text auf einem Bildschirm. - Später wird sie noch erwähnen, dass auch Lexika völlig aus dem Sortiment verschwunden sind. Und Atlanten, auch Atlanten werden nicht mehr nachgefragt. – Klar, Google-Earth, Google-Maps. – Doch das ist kein großer Verlust. Sie machen ihr Geschäft mit Belletristik. Und das läuft gut. – Das wollte ich auch noch fragen, nur aus Neugier. Aber sie hat die Frage eigentlich schon beantwortet. Die Geschäftsgründung war also ein Erfolg? – Ja, allmählich kann man das sagen. – Ihre Kollegin, die uns zuhört, bekräftigt das mit zufriedenem Nicken. – Ihr seid drei Leute, und ihr könnt von dem leben, was der Buchladen abwirft? So, dass ihr sagen könnt, ich verdiene so viel, wie ich brauche. – Ja, sagt Hanne. – Und wieder nickt die Kollegin und sagt dann: Wenn man die Verkäufe von einem Tag nimmt, dann ist das gar nicht so viel, aber … - Es läppert sich? – Ja, es läppert sich, sagt die Kollegin. – Und das obwohl es in unmittelbarer Nähe einen weiteren Buchladen gibt? – Und sogar noch einen dritten gibt es, sagt Hanne. Und Hugendubel ist auch nicht weit entfernt. Aber es reicht für alle. - Gute Gegend für den Verkauf von Belletristik. Bürgerliche, großbürgerliche Bevölkerung. Die Leute älter als die Kundschaft in der Akazienstraße. Aber um so treuer. Es kommt vor, dass die zu Hugendubel gehen und sich dort ein Buch anschauen, aber dann bestellen und kaufen sie es bei ihnen. – Ich erkläre den Hintergrund meiner Frage. Deute auf den neuen Roman von Nicole Krauss, Das große Haus, und sage: Sie hat in The New Republic einen vielbeachteten Artikel geschrieben über das Verschwinden von Buchhandlungen aus ihrer New Yorker Lebenswelt. Aber von dergleichen kann hier anscheinend keine Rede sein. – Zum Glück nicht, sagt Hanne und hat, obwohl sie das nun schon zum dritten Mal sagt, nicht ein Mal gelächelt. Ihre Kollegin auch nicht. – Was vielleicht auch daran liegt, dass den beiden Frauen nicht klar ist, was ich von ihnen will mit meinen Fragen. – Nachdem sie nun erstmal beantwortet sind, fragt mich Hanne, wie ich das meinte, als ich sagte, ich wolle ins Buchgeschäft einsteigen. – Das ist nur so ein Spruch gewesen, sage ich. Ich plane, Erzählungen zu schreiben. Und ich habe mir überlegt, dass ich die auf dem eBook-Markt anbieten möchte, wo ich die Möglichkeit habe, das direkt zu tun. Alles in meiner Hand. Ohne den Umweg über Verlage. Mit Verlagen und Literaturbetrieb will ich nichts zu tun haben. – Dass ich damit impliziere, dass ich auch nichts mit dem Buchhandel zu tun haben will, mithin auch dem Buchladen Hannes und ihrer Kollegin, das merke ich erst später. Aber so war es gar nicht gemeint. Nichts, aber auch gar nichts gegen die sympathische Buchhandlung, in der ich gerade stehe. – Das ist jedenfalls der Grund für meine Fragen, sage ich zu Hanne. Ich wollte mal sondieren, wie es mit dem Markt für eBooks in Deutschland aussieht. Wer kauft, wer liest eBooks? Ist das ein Publikum, für das ich schreiben möchte und das sich für mich interessieren könnte. Aber anscheinend ist es so, wie ich geahnt habe: im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern, wo eBooks übrigens gerade bei älteren Lesern große Akzeptanz haben, ist der eBook-Markt in Deutschland noch in den Anfängen. Kann auch sein, dass er sich nie entwickelt wegen der strukturellen Lahmarschigkeit deutscher Kulturkonsumenten oder dass ich mal wieder zwanzig Jahre zu früh dran bin. Geschichte meines Lebens. - Das sage ich nicht, das denke ich mir, fresse es bekümmert in mich hinein. Während Hanne in ihrer sehr sachlichen und nüchternen Art erklärt, dass sie zum Thema eBook keine Informationen hat, und dabei guckt sie auf die Stelle, an der mein offenes Sakko den Blick auf meinen Bauch freigibt. Ihr prüfender Blick wird von mir bemerkt, ist mir aber nicht unangenehm, da ich keinen dicken Bauch habe. Und gleiches Recht für alle! Ich habe sie schließlich während unseres Gesprächs auch von der Seite gemustert, und das ist ihr wahrscheinlich ebenso wenig entgangen wie mir ihr Blick auf meinen Bauch.

Morgen geht es weiter. Ich probiere etwas aus. Erster Anlauf.

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