Freitag, 20. Mai 2011

Ehre

Spiegel-Online berichtet über den Gerichtstermin, den Strauss-Kahn gestern in New York hatte. Es steht ihm nun ein monatelanger Sensationsprozess vor – es sei denn, er bekennt sich schuldig im Sinne der Anklage. Wenn er schuldig ist im Sinne der Anklage, wäre das zugleich seine Chance, seine Ehre zu retten. Wenn er eine hat. – Ich gucke immer wieder auf die Fotos von ihm, auch die älteren, und versuche die Persönlichkeit zu sehen, die er doch sein muss aufgrund seiner akademischen Karriere, seiner Verdienste als Wirtschafts- und Finanzminister, als Chef des IWF, seines internationalen Renommees, seiner Popularität in Frankreich. - Der da? – Will ich monatelang darüber lesen, was dieser Mann vor Gericht für eine Figur macht? Wäre es nicht besser für uns und für ihn, er würde sich schuldig bekennen und sich und uns das Schauspiel dieses Prozesses ersparen? – Er kann nur an Statur gewinnen, wenn er etwas Überraschendes tut und sich schuldig bekennt im Sinne der Anklage, wenn er schuldig ist. Er muss sich dabei ja nicht schuldig fühlen oder zeigen. Er kann einfach nur sagen, ich habe das gemacht, ich bin so. Ich finde da nichts dabei. Es wäre ihr Schaden nicht gewesen, wenn sie sich nicht gewehrt hätte, ich hätte mich wie immer in so einer Angelegenheit großzügig gezeigt, sehr großzügig … .

Mir unverständlich, als gestern durch die Berichterstattung geistert, was die Chefin eines Callgirl-Service über ihn zu erzählen hat: Einmal hat er bei ihrer Agentur Wicked Models ein typisch amerikanisches Mädchen bestellt; gegenüber der jungen Frau ist er dann so grob gewesen, dass sie hinterher erklärt hat, nicht wieder für ihn arbeiten zu wollen; eine junge Brasilianerin, die er ein andermal bestellt hat, hat sich allerdings nicht über ihn beschwert. Klar, nehmen wir so etwas begierig auf und benutzen es, um unser Bild von ihm weiter auszumalen im Sinne unserer Nicht-Unschuldsvermutung. Aber was geht uns das an? Wie kommt die Frau dazu, sich so über einen ehemaligen zahlenden Kunden zu äußern? Ist er jetzt vogelfrei? Oder hat sie eine Rechnung offen mit ihm? War das allzu grob, was er mit der typisch amerikanischen jungen Frau gemacht hat? Warum hat sie sich ihn dann nicht damals schon vorgeknöpft? Was hat das zu tun mit jetzt. Es war freiwillig, er hat bezahlt, es war ein Geschäft. Ob uns das gefällt oder nicht. Genauso verwunderlich wie das Verhalten der Escort-Service-Chefin: dass Spiegel Online das kolportiert.

Gestern Abend noch das Video der Pressekonferenz zu Melancholia angesehen. Wen es interessiert: die Stelle mit dem unsäglichen Statement von Lars von Trier ist ganz am Ende. Vorher die verständnisvollen Kommentare gelesen (siehe Links im BzB-Posting von gestern) und die Pressekonferenz auch deshalb angeschaut, um mich zu überprüfen. – Ergebnis: in Bild und Ton ist es noch viel schlimmer. als wenn man es nur liest, was er über sich und Hitler gesagt hat (I sympathize with him, hat er wörtlich gesagt). Und wenn jemand selbst nichts dabei findet – weil: Hitler? Ist doch auch schon lange tot. Was soll die ganze Aufregung? -, dann bitte mal auf das Entsetzen der neben Lars von Trier sitzenden Kirsten Dunst achten. – Verdacht bei den allzu schlauen Apologeten in den deutschen Feuilletons: dass sie die gleiche Indolenz haben wie Lars von Trier sie hat erkennen lassen. Dagegen ist nicht zu argumentieren. Das ist eben so.

Dennoch: Lars von Trier hat bewiesen, wie man auch als Arschloch ein Ehrenmann sein kann. Er hat zugegeben, schlimmen Blödsinn geredet zu haben, er hat sich entschuldigt dafür. Und als seine Entschuldigung nicht angenommen worden ist, als er von der Festivalleitung in Cannes zur persona non grata erklärt wurde, hat er das auf seine Art akzeptiert: Wer mir in die Fresse hauen will, ist willkommen.

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