Donnerstag, 17. Februar 2011

Hans

Die telefonierende Frau mit dem Zwillingskinderwagen hat mich gerettet. Das wäre nicht gut gewesen, heute über Hans und seine Krebsgeschichte zu schreiben, nachdem ich gestern den Post über Peter und seine Krebsgeschichte hatte. Nicht nur, weil es den Lesern nicht zuzumuten gewesen wäre, sondern weil es mir selbst gegen das Lebensgefühl gegangen wäre. Nach dem Schreiben des Entwurfs ist mir das klar geworden. Deshalb habe ich überlegt, ob ich so darüber schreiben kann, dass ich die Krankheitsdetails weg lasse und den Text darauf konzentriere, worum es tatsächlich auch ging bei der Szene mit Hans in der Kaiser-Wilhelm-Passage: Dass ich am Tag zuvor an ihn gedacht und mich gefragt hatte, ob er noch lebt. Und als ich ihn dann sah am Eingang der Passage, war ich überrascht, ihn wohlauf zu sehen, und  habe mich gefreut, dass er noch lebt, und ihm das gesagt, dass ich am Tag zuvor an ihn gedacht und mich gefragt hatte, ob er noch lebt. – Das ist in dem Entwurf verloren gegangen. Das andere Wichtige war, wie ich ihm am Ende Glück gewünscht habe. Das habe ich beschrieben in dem Entwurf, dass ich ihm in einem anderen Ton Glück gewünscht habe, als bei unseren zufälligen Begegnungen im Früh- und Spätsommer, als es so schlecht um ihn stand, dass ich dachte, er ist so gut wie tot. Mir das in Erinnerung bringend ist mir dann auch klar geworden, dass das der Grund war, warum ich über die vorhergehenden beiden Treffen nicht geschrieben habe. Nicht, weil es anderes gab, das mir wichtiger erschienen ist, sondern weil ich das nicht schreiben wollte: dass ich ihn gesehen hatte – und er hat mir gesagt, dass er eine Metastase in der Lunge hat, beim ersten Mal - und beim zweiten Mal, dass er nun operiert war und die Ärzte hatten gesagt, keine Chemotherapie – worauf ich beide Male sicher war: das war es für den Hans. Darüber wollte ich nicht schreiben, weil nicht auszuschließen gewesen wäre, dass er das liest. – Eineinhalb Stunden habe ich heute Vormittag an dem Entwurf geschrieben. Details ausbreitend. Aber darauf bin ich nicht gekommen: dass ich es mir aus gutem Grund verboten habe über die Treffen zu schreiben. Über das Treffen gestern kann ich schreiben, da ich es gestern – ganz aufrichtig – anders gesehen habe. Das kam in der Art zum Ausdruck, wie wir uns am Ende die Hand gegeben haben und in dem Ton, in dem ich ihm viel Glück wünschte.  – Wichtiges Detail noch sein Hut: Trägt er ihn wegen therapiebedingtem Haarausfall? – Nein, wegen der Kälte. – Er lüftet ihn. Sein Haar ist kurz, aber nicht schütter, und obwohl er in diesem Jahr 60 wird, ist es - zumindest nicht sichtbar - grau. Und färben, das macht so einer wie Hans nicht. – Die Frau mit dem Kinderwagen hat mich gerettet davor, nur ein Protokoll der Begegnung zu schreiben mit zu vielen Einzelheiten und dabei zu verpassen, was passiert ist bei der Begegnung.

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