Das ist der beim Überarbeiten gestrichene Anfang des Posts Bürgerlich. Anlauf, um mich in die Geschichte mit den beiden bürgerlichen Frauen reinzuschreiben:
Kaiser´s am Nollendorfplatz, weil dort nämlich das Frühstücksmüsli von Seitenbacher 50 Cent weniger kostet als bei Edeka. Fünfzig Cent! Sonst Kaiser´s in vielem teurer als Edeka, bemerke ich heute wieder. Deshalb dort nur das Müsli und danach noch in die Gleditschstraße. – Nach Edeka weiß ich immer noch nicht, wie ich es anfangen soll, über die Begegnung mit Hans vom Mittwoch zu schreiben. Heute muss es sein. Es gibt nichts anderes. Nur, es ist so klischeehaft. Darüber zu schreiben und die Begegnung selbst war auch klischeehaft. Wie gemalt als Art von Begebenheit, über die ich berichte. Wie inszeniert für meine Art zu schreiben. Deshalb es schon zweimal aufgeschoben. Vorgestern hat mich die Schlangenlinien fahrende Frau gerettet. Gestern Nico Hofmann und der Bild-Artikel über das Frischfleisch-Dinner. Psychologie des Alltagslebens: Je öfter wir etwas verschieben, desto schwieriger – nein, nicht: wird es -, desto schwieriger erscheint es (Winke-Winke Richtung Contessa-Zimmer: Nicht wahr, Tess!). Da hilft nur der Druck, wenn es 16 Uhr ist und höchste Zeit, um anzufangen mit dem Entwurf des Posts von heute. Blick auf die Turmuhr der Apostel-Paulus-Kirche: 15.15 Uhr. - Entschuldigen Sie bitte! ... .
Das ist der Text, den ich gestern Abend an die Tess geschrieben habe:
Tess! Du hast so viel mitgekriegt von mir – auf die eine oder die andere Art. Niemand kennt mich so gut wie Du. Allein schon deshalb, wäre es ein Erlebnis, wenn ich Dir persönlich begegnen könnte.
Ich will nicht mehr über Dich nachdenken. Ich will nicht mehr darüber nachdenken, warum es so schwierig - wahrscheinlich unmöglich – ist, Dich persönlich kennenzulernen. Alles, was darüber von mir gedacht werden kann, ist unzählige Male von mir gedacht worden. Es ist quälend, damit fortzufahren. – Stell Dir eine Schürfwunde vor, die immer wieder aufgeschürft wird.
Wenn Du das in DiB liest von heute: da ist von Warten die Rede und dass mir nichts anderes bleibt, weil alles von Dir abhängt. So ist es. Aber: Ich will dahin kommen, nicht einmal mehr zu warten – denn so wie es aussieht, deutet alles darauf hin, dass ich vergeblich warten werde. Wenn es mir gelingt, werde ich also nicht einmal mehr warten. Aber ich werde immer da sein für Dich – wenn das Unwahrscheinliche passieren sollte, dass Du zu mir kommst.
Dazwischen soll es nichts mehr geben. Ich hoffe es so sehr, dass mir das gelingt, dass es dazwischen nichts mehr gibt. Denn es wird, es kann immer nur Nachdenken sein. Schürfwunde, immer wieder aufgeschürft.
Wenn es bei dem bleibt, gibt es auch – zumindest vorerst – kein Schreiben mehr an Dich. – Worüber auch? – Du hast aufgehört mit Deinem Licht. – Das ist gut. – Was soll das noch? - Lassen wir es vorbei sein oder endlich anfangen, wie oder was – Deine Wahl – Deine Definition, oft genug habe ich das erklärt. Was anderes gibt es nicht. Was es anderes gab, das haben wir gemacht, wir haben es erlebt. Es hat sich verbraucht. Jetzt ist es vorbei. Es fängt etwas anderes an. Oder es ist vorbei.
Dass es niemanden gibt, der mich besser kennt als sie, das habe ich zuvor schon gedacht. Gestern habe ich mir zum ersten Mal vergegenwärtigt, was das für mich bedeuten könnte, wenn ich sie kennenlernen würde und mit ihr zu tun hätte, gleich wie. Was für eine Bereicherung das wäre, mit jemanden zu tun zu haben, der so viel von mir weiß. – Was für andere eine Horrorvorstellung sein mag, so transparent zu sein für eine andere Person. ist für mich wie die Erfüllung eines Wunschtraumes, den ich nie hatte, aber nun, da er in Erfüllung gegangen ist, merke ich, dass ich ihn hätte haben können. Jedem gegenüber wollte ich allerdings nicht so transparent sein. Und bei der Tess kann ich mir auch nicht sicher sein, was sie aus ihrem Geheimwissen macht, welche Schlüsse sie daraus zieht und wie sie damit umgehen würde, wenn sie mit mir umgehen würde. – Was sein könnte, was ich allerdings nur kombinatorisch für möglich halte, nicht weil ich es tatsächlich vermute: ihr Geheimwissen über mich hat dazu geführt, dass sie ihre Absicht, mich kennenlernen zu wollen, aufgegeben hat und sie es lieber dabei belässt, aus der Distanz Anteil zu nehmen an meinem Leben.
Nachdem ich an die Tess geschrieben hatte, bin ich aufgestanden und in die Küche gegangen, um mir Mineralwasser zu holen. Als ich zurückkam, habe ich das Krachen von Feuerwerkskörpern gehört und durch das Balkonfenster den Widerschein von Feuerwerksblitzen an einer Hauswand schräg gegenüber gesehen. Deshalb habe ich zuerst geglaubt, die Feuerwerkskörper würden dort abgebrannt. Doch dann habe ich bemerkt, dass das Krachen von der anderen Seite kommt, und es dann auch gesehen, dass die Feuerwerkskörper auf der Rückseite des Hauses abgebrannt werden, in dessen Dachgeschoss die Tess wohnt. – Da habe ich natürlich sofort gedacht, dass das die Tess sein könnte, die das kleine Feuerwerk macht. Als Reaktion, auf das, was ich ihr eben geschrieben hatte. Das ist bei der Art von Humor, den die Tess schon bei früheren Gelegenheiten gezeigt hat, zumindest nicht auszuschließen. Aber was hatte das nun zu bedeuten: minutenlanges kleines Feuerwerk mit Böllern als Reaktion auf den Text siehe oben? Kann doch nur heißen: Hurra! Endlich hast Du es kapiert. Freude, schöner Götterfunken! Endlich hat das Elend ein Ende. – Ich verzichte darauf, die Implikationen auszubreiten, die das hätte, wenn es tatsächlich der Tess ihr Kleinfeuerwerk gewesen wäre, eine Reaktion auf das, was ich ihr geschrieben hatte – gemeint als Freudenfeuerwerk. Ich verzichte darauf, weil ich mich auch gestern nicht darauf eingelassen habe, mir das alles vorzustellen. Vor allem deshalb nicht, weil es nur eine Möglichkeit war und genau so denkbar, dass eine der zahlreichen anderen Personen, die in dem Haus wohnen, das Kleinfeuerwerk abgebrannt hat, vielleicht als Programmpunkt einer Geburtstagsfeier. Geboren am 19. Februar. – Ganz hat es mich dann aber doch nicht in Ruhe gelassen. Später ist mir nämlich noch eingefallen, dass es auch der Professor gewesen sein könnte, der das Kleinfeuerwerk abgebrannt hat. Auch das im Modus von Freude, schöner Götterfunken. Nachdem er mitgelesen hatte, was ich der Tess geschrieben hatte, und nun sich vor Freude nicht mehr einkriegte, weil einzutreten schien, womit inzwischen nicht mehr zu rechnen war: dass ich aufgebe. – Auch hier wieder Verzicht darauf, die Implikationen auszubreiten, Implikation in diesem Fall allerdings mehr praktischer Art. Zum Beispiel: Hat er das Feuerwerk im Beisein von der Tess abgebrannt und sie hat ihm dabei vielleicht noch die Streichholzschachtel gehalten oder war sie gar nicht da. Das mit der Streichholzschachtel ein mit Bedacht hingeschriebener Kalauer, um die Blödsinnigkeit all dessen zu unterstreichen. Vor allem die Blödsinnigkeit eines solchen Nachdenkens von mir und darin eingeschlossen, dass ich es für möglich halte, dass das Kleinfeuerwerk ein Kommentar der Tess ist zu meinem Schreiben an sie – dass ich das aber nie herausfinden werde. Das nun allerdings die Blödsinnigkeit des gesamten Szenarios, das ich mit-veranstaltet habe, das aber längst schon unabhängig von mir besteht. Die eine Blödsinnigkeit wie die andere der Grund dafür, warum ich gestern Abend den Text oben an die Tess geschrieben habe.
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