Mittwoch, 15. Juni 2011

Unruhig

Aus dem Text über den Nachmittag des braven Mannes: 
(...) Danach gehe ich zur Grunewaldstraße 80 in den Eisladen, um mit der Besitzerin über den Text zu sprechen, den ich über ihr Eis und meine Süßigkeitssucht geschrieben habe. 14.45 Uhr. Der Laden ist leer. Ich höre die Besitzerin im Hinterraum telefonieren. Sie kommt nach vorne und sagt: Ich bin gleich für Sie da. Dann verschwindet sie wieder und telefoniert weiter. An der Decke  hängt ein kleiner Kronleuchter. An der Wand ein dekoratives nicht-figuratives Gemälde, leuchtend bunt auf hellblauem Hintergrund. Das Eis in den Kästen hinter der Theke ist grün, rot, rosa, gelb, apricot, braun, weiß, crèmefarben und es ist frei von Zusätzen. Das habe ich vergessen in meinem Text zu erwähnen. Unter anderem danach möchte ich sie jetzt fragen: was das für Zusätze sind, von denen ihr hausgemachtes Eis frei ist – geschmacksverstärkende Zusätze? Darüber hoffe ich. mit ihr so ins Reden zu kommen, dass sie als Person sich zeigt und ich sie vorstellen kann meinen Lesern. Ich könnte auch ihrem Telefonat zuhören und mir so ein Bild von ihr machen. Doch darauf komme ich erst später, dass ich das hätte tun können. Jetzt bin ich unruhig, ungeduldig, und ich merke, dass ich nicht den  Kopf frei habe für ein Gespräch über Eis und Fragen wie: Und wenn die Speiseeis-Saison vorbei ist, dann reisen Sie zum Überwintern nach Indien? Oder: Sandra Munivranaist das ein indischer Name, Ihr Nachname? Der Name Ihres Ehemannes? – Ich schaue durch die Ladentür auf die Grunewaldstraße und habe keine Lust mehr zu warten, bis Sandra ihr Telefongespräch beendet hat. Beim Verlassen des Ladens sage ich mir: ich kann ja morgen wieder kommen; zugleich weiß ich, dass ich das nicht tun werde. Es hat nicht an ihr gelegen; so lange hatte sie mich noch gar nicht warten lassen. (...)

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