Sonntag, 12. Juni 2011

Haltung

Schicksal Peters. Anders nicht zu nennen, was mit ihm passiert. Er ist wieder zu Hause, nachdem sie ihn am Mittwoch fünf Stunden operiert haben, um die beiden geschwollenen Lymphknoten zu entfernen. Ergebnislos. Eingriff abgebrochen, weil das Risiko zu groß war, die Halsschlagader oder Nerven zu verletzen und damit einen Schlaganfall und/oder irreversible Lähmungen auszulösen. Jetzt wollen sie es mit Strahlentherapie und Chemotherapie versuchen. Das wird sich über ein halbes Jahr hinziehen. Das einzig Gute: er ist vom Alkohol entzogen. Sagt er. In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag hatte er Halluzinationen. Delirium. Entzugsdelir. – Frage: Was haben die Chirurgen in den fünf Stunden getrieben, bevor sie die Operation abgebrochen haben? – Antwort: Die Operation kann nicht fünf Stunden gedauert haben. Gegen 16 Uhr habe ich am Mittwoch angerufen auf der Station. Da sagte mir eine Schwester, Peter sei noch nicht im OP; allerdings werde es bald losgehen. Kurz nach 20 Uhr habe ich noch mal angerufen. Da sagte mir ein Pfleger: Peter sei zurück auf der Station; ja, Operation gut überstanden, antwortete er auf meine Frage. – Ich werde natürlich nichts darüber zu ihm sagen. Und wenn er wieder zu saufen anfängt, werde ich auch dazu nichts sagen; ich könnte es verstehen, wenn er es tut. Was ihm überhaupt noch sagen? Nicht zu fassen, was für ein Pechvogel er ist. Die Therapie, die ihm bevorsteht, wird eine einzige Quälerei sein. Auch das natürlich ihm gegenüber nicht aussprechen. Gestern Abend, als er anrief und mir erzählte von der bevorstehenden Strahlen- und Chemotherapie und den Halluzinationen, habe ich es kaum ausgehalten. Nicht das, was er erzählt hat, sondern ihm zuzuhören. Ich konnte es nicht erwarten, das Gespräch zu beenden. Ich hatte noch viel zu tun (Überarbeitung des Postings). Aber das war es nicht. Es war dieser nicht abreißende  Klagemonolog, gegen den es nichts einzuwenden gibt, zu dem es überhaupt nichts zu sagen gibt, wenn es keine Klischees und Platitüden sein sollen. Und schon ganz verbietet sich die Beschwerde, dass er immer nur über sich spricht und über sein Elend. Über was soll er denn sonst sprechen?  - Trotzdem, gerade deswegen habe ich es nicht ertragen. Gegen Ende habe ich vor Ungeduld und Widerwillen auf den Tisch und auf die Lehne meines Stuhles geschlagen. Ich konnte nicht anders. Hoffentlich hat er es nicht gehört. Bestimmt hat er es gehört. Ich habe ihm angekündigt, dass ich ihn heute anrufen werde. Ich will ihn nicht anrufen. Das geht nicht. Ich will, ich verlange von mir, dass ich ihn anrufen werde. Ich muss zu einer anderen Haltung finden. Es reicht völlig aus, wenn ich ihm zuhöre und ihm Fragen stelle. Das ist das Einzige und das Beste, was ich für ihn tun kann. Aber alleine schon das ist schwer. Die Kluft zwischen uns und den Kranken und Sterbenden. Zwei Welten, keine Verbindung. Das ist vielleicht das Schlimmste am Sterben, denke ich mir schon lange: Das Alleinsein. Das Zurückweichen der Anderen, die weiterleben werden, wenn man selbst tot sein wird. Die Gewissheit, dass die anderen auch irgendwann tot sein werden, hilft dabei nicht. Denn noch ist es nicht so weit. Und das ist das Einzige, was zählt. 

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