Sonntag, 16. Oktober 2011

Nudelsoße

Es ist klar, dass der Satz kommt. Ich zögere es so lange wie möglich hinaus, weil ich hoffe, dass es ohne ihn geht. Sie sagt den Satz nicht. Das ist auch klar. Dass es von Anfang an ein gutes Gespräch mit ihr war, das kommt auch daher, dass sie so nicht redet. Dass sie persönlich redet oder Sache, am besten beides zusammen, aber nie in Standardsätzen, weil sie nicht standardisiert denkt. Aber dann geht es nicht mehr anders, ich muss den Satz sagen, ich brauche ihn für den Absprung in die geweitete Perspektive. Raus aus dem Zwiespalt, in dem sie steckt als gute Mutter: für ihre Kinder da sein zu wollen, wenn sie ihre Mutter brauchen, und für den Mann, und deswegen immer wieder aus ihrer Arbeit herausgerissen zu werden und dann tagelang oder auch schon mal einen Sommer lang nicht vom Fleck zu kommen geschäftlich. Du solltest dir Zeiten festsetzen, wo du eben nicht einsatzbereit bist für Chauffeurfahrten für die Kinder oder wo sie dich anrufen können in ihrer Not und du ihnen sagst, wie sie es anstellen können, die Nudelsoße aufzuwärmen, sie aber nicht erwarten dürfen, dass du eine halbe Stunde nach dem Anruf in der Küche stehst und es für sie machst. Deine Kinder sind doch jetzt alt genug und sie lieben dich. Sie müssen doch auch wollen, dass du zufrieden bist, weil du Erfolg hast. Das ist noch nicht der Standardsatz. Der kommt gleich. Nachdem sie von den Einzelfällen gesprochen hat, in denen es nicht so leicht ist, wie ich mir das vorstelle, weil ich es nur gut mit ihr meine, aber keine Ahnung habe von einem bürgerlichen Familienleben mit zwei Kindern; das sagt sie nicht, das braucht sie nicht zu sagen, dessen bin ich mir bewusst. Aber ich sehe ihr Dilemma gerade mit einer Klarheit, mit der es nur ein Außenstehender sehen kann, und einen Ausweg gleich mit. Und um da hinzukommen, brauche ich jetzt den Standardsatz und deshalb sage ich: Natürlich ist das nicht einfach für Frauen, Familie und Beruf zu vereinbaren. - Dankbar dafür, dass ich es übernommen habe, die Platitüde auszusprechen, sagt sie: Ja, das ist wirklich sehr schwer. – Und weil es so schwer ist, kann eine Frau das auch nicht alleine schaffen, wenn sie eine gute Mutter sein will. Sie kann es nur schaffen, wenn ihre Familie ihr dabei hilft. Wenn Mann und Kinder sich wie moderne Menschen verhalten und nicht sich aufführen wie eine Familie aus dem 19. Jahrhundert, die sich eine Mutter hält wie eine Magd. In dem Moment, da ich es sage, wird mir klar, dass es so ist: sie wird von ihren Kindern behandelt wie eine Magd. Das muss aufhören. Und das Argument ist Liebe: da deine Kinder dich lieben, müssen sie es zulassen, dass du deine Arbeit machen kannst, ohne ständig von einem Kleinscheiß unterbrochen zu werden, mit dem sie sehr gut auch alleine zurechtkommen, wenn sie es wollen. – Wie schaut sie mich jetzt an? Skeptisch oder nachdenklich? – Wenn du willst, schreibe ich ihnen einen Brief, sage ich. Darauf lache ich und sie nicht. Und dann verabschieden wir uns eilig, weil sie muss jetzt los, um die Nudelsoße aufzuwärmen.

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