Montag, 7. März 2011

Sprung

Tagebuch und Skizzenbuch war der Plan. Besser Skizzenbuch.

Vergangenheit tut mir nicht gut. Also kommt Erzählen im klassischen Sinn für mich nicht in Frage. – Denn Erzählen im klassischen Sinn ist immer in der Vergangenheit. – Meine Vorstellung von einem anderen Erzählen: Im Präsens. Aktion in der Gegenwart. – Jahrelang als Idee verfolgt. Keinen Ansatz dafür gefunden. Bis ich die Liebesgeschichte mit der Frau von gegenüber im Blog erzählt habe. Da war es, das Erzählen im Präsens, und das Erzählen war eine Aktion. – Zu Ende erzählt. Aus der Liebe ist nichts geworden. Aber schreiberisch hat es geklappt. Es hat sich gezeigt, dass es geht und wie es geht.

Gesucht eine neue Schreib- und Erzählaktion. – Um mich muss es dabei nicht gehen. Ich bin nicht interessant. Mir nicht interessant genug. Als der Liebende, der ich zwei Jahre lang war, habe ich mich überrascht und in Staunen versetzt. Jetzt bin ich nur mehr der, der ich immer war. Nur älter geworden und die Lebensmüdigkeit ist zurück, die ich – wann war das? – vor drei, vier Jahren schon einmal empfunden habe. Damals war ich verwundert darüber, dass mir so etwas passiert. Jetzt ist es nichts Neues mehr. So ist das eben, wenn es nichts gibt, was einen im Leben hält, nichts wofür sich die Anstrengung lohnt, sich mit dem materiellen Elend rumzuschlagen. Es interessiert mich nicht. Deshalb ist aus mir auch nichts geworden. Deshalb jetzt das Elend. – Ist das das neue Ziel für das präsentische Erzählen? Die neue Aktion? Am Leben bleiben. – Ich würde lieber für jemanden anderen etwas tun und darüber präsentisch schreiben. Aber da es so jemanden nicht gibt und nichts, wofür ich mich einsetzen kann, bleibt nur: am Leben bleiben. Mit dem erhöhten Schwierigkeitsgrad, dass es keinen einleuchtenden Grund dafür gibt. Das macht es aber auch schon wieder interessant. Denn dann ist es reiner Selbstzweck. Frei(willig). Autonom. Acte gratuit. Eigentlich Jux und Dollerei. L´art pour l´art. Also Kunst. Alles ist möglich. Vorneweg die alte Hülle zurück lassen. Wenn es mit rechten Dingen zuginge, dann läge die zerschmettert auf einem Bürgersteig (wie gut, dass sie hier noch keine Netze spannen an den hohen Häusern, um die Selbstmörder am Runterspringen zu hindern wie in Shenzen). Vorstellung, dass aus der zerbrochenen blutigen Hülle steigt so etwas wie meine von der Hülle, also von mir befreite Seele, und die ist nun unterwegs als ein Wiedergänger meiner selbst. – Rollenspiel. Ist das die Rolle, die ich gesucht habe? – Tag, Moment, wenn ich springe: Vorne raus auf das Trottoir. Hinten raus ist zu riskant. Im Hof steht die Laterne. Kann ich die von oben sehen vor dem Sprung? Kann ich an der vorbeispringen, so dass ich nicht von ihr aufgespießt werde, mein Fall zugleich abgebremst wird und ich nicht tot, sondern nur zum Schreien schwer verletzt bin? Nichts ist einfach in meinem Leben. Nicht einmal jetzt. – Deshalb lieber vorne raus springen, vom Dach mich fallen lassen auf das Trottoir. Auch da weiß ich nicht, ob ich das Ziel einsehen kann. Ob ich sicherstellen kann, dass, wenn ich springe, nicht gerade jemand vorübergeht, den ich mit meinem Körper, genannt Hülle, erschlage. Aber das ist mir egal. Wenn es ein Kind ist, dann ist es mir nicht egal. Also für den Sprung eine Tageszeit wählen, in der die Kinder in der Schule oder im Kindergarten sind oder schlafen. Hundertprozentig sicher ist das aber auch nicht. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Nicht einmal in einem solchen Moment. Nichts in meinem Leben ist einfach. Nicht einmal jetzt. Wird schon gut gehen und dann ist es vorbei. Ist doch nur eine poetische Aktion zur Befreiung meiner Seele. – Und was mache ich mit der jetzt?

Als ich zum ersten Mal lebensmüde war und durchgedacht habe, wie ich mich umbringen könnte, bin ich darauf gekommen, dass alles Wichtige, was ich gemacht habe in meinem Leben beim ersten Mal nicht geklappt hat. Slow learner bin ich. Alles, was ich mache, klappt immer erst beim zweiten oder dritten Versuch. So wird es auch gehen, wenn ich mich umbringe. Beim ersten Mal wird es nicht klappen. Aber was, wenn ich nach dem ersten Versuch so beschädigt bin, dass ich mich danach nicht mehr selbständig bewegen kann? Dann gibt es keinen zweiten Versuch. – Konsequenz: Da ich ein slow learner bin und damit rechnen muss, dass mein erster Selbstmordversuch misslingt, so misslingen könnte, dass ich keinen zweiten habe, deshalb ist für mich Selbstmord keine Option und ich muss nie wieder darüber nachdenken. – Da habe ich mich über mich selbst lachen müssen, nachdem ich das gedacht hatte. Von diesem Gedanken-Slapstick habe ich die Vorstellung von Bewusstseinskomödie abgeleitet, die ich seither verfolge. – Jetzt wieder lebensmüde. Das mit dem slow learner vergessen, eben erst mich wieder daran erinnert. Vorher die Idee, meinen Selbstmord zu setzen als poetische Hypothese: meine Hülle, meine Existenz, der ganze verschissene Lebensentwurf liegt zerschmettert am Trottoir und zurückbleibt meine Seele, die nun genau so wenig anzufangen weiß mit sich selbst wie ich, und deshalb Leben um des Lebens willen als l´art pour l´art macht. Sie könnte auch Patiencen legen den ganzen Tag. Aber das ist ihr zu langweilig. Also l`art pour l´art.

Falls die Vorstellung vom Springen als abgeschmackt empfunden wird: ich habe sie nur in diesem Text gebraucht, sonst brauche ich sie im Grunde nicht für den Entwurf meines Lebens als l´art pour l´art. Und die Rede vom l´art pour l´art ist auch nur eine Arabeske für etwas, das ich schon seit längerem weiß:  dass mein einziger Daseinszweck das Schreiben ist. Das aber muss ich mir leisten können. Womit ich wieder beim Elend bin.

Sonntag, 6. März 2011

Angst

Wenn ich mir mehr Mühe gegeben hätte, wenn ich den Gedankenprozess vor dem Schreiben nicht nur so hingehuscht hätte, wäre Zicke der beste Text seit langem geworden. Weil beim Schreiben etwas passiert ist, das zu etwas anderem geführt hat, als das, was ich vorher schon wusste. Weil der Text eine Lebensäußerung ist. Unschönes Kartonwort von heute Morgen, aber es trifft, wie der Blog sein soll. Die Texte sollen Lebensäußerungen sein. So auch zu verstehen: ich schreibe mir ein neues Leben. – Das berücksichtigen bei den konzeptionellen Überlegungen. Die konzeptionellen Überlegungen sind übrigens auch Lebensäußerungen. Von jemand, der gerade nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Weil das bisherige Ziel sich als unerreichbar erwiesen hat und ich immer noch dabei bin, mich damit abzufinden, dass ich nichts mehr tun kann, nur noch mich abfinden, dass es nichts geworden ist mit der Frau von gegenüber. – Das ist die Geschichte, die ich hier erzähle. Naturgemäß keine schöne Geschichte.


Warum mir nicht mehr Mühe gegeben mit Zicke? – Am Ende steht es: Vergangenheit interessiert mich nicht. Mit Vergangenheit mich abzugeben, tut mir nicht gut. – Die Aktion war: Vergangenheit hinter mir lassen. Widerwillen gegen diese Vergangenheit. Taewoo begegnet im Hallenbad. Kennengelernt aber in der Kneipe. – Zugleich Widerstreben gegen diese Art von Text. Zu persönlich. Nicht die Art von Text, die ich jetzt schreiben will, gestern immer wieder gedacht. Den jetzt noch und dann gut. – Falsch! Das erkannt durch den Text. Ich erreiche nicht mehr Leser, indem ich von mir absehe. – Wie dann? – Indem ich mehr mit mir anfange. – Was heute? – Den Exposé-Text lesen und formatieren und darüber schreiben? – Bei dem schönen Wetter? – Außerdem auch Vergangenheit. Muss nun aber mal sein. Angekündigt.


Verschwiegen: Existenzangst wegen der nicht eingetroffenen Überweisung. – Kommt sie morgen? Hat die Gönnerin dieses Mal zu spät überwiesen? Oder ist es aus mit ihrer Großzügigkeit? – Warum? – Diese Frage kann dann schon mal übersprungen werden, weil die Antwort nicht weiterhelfen wird. – Das Lebensthema von vorgestern, von gestern, von heute ist die Existenzangst, die Ungewissheit wegen der Überweisung, das Grübeln über die Gründe des Ausbleibens, wenn sie ausbleibt. Kein Thema für den Blog. Weil es nur Klage sein könnte. Weil so schlimm es ist, so banal ist es auch: das Lähmende, Paralysierende von Geldsorgen. – Kommen Sie wieder, wenn Sie einen Plan haben, wie Sie aus den Geldsorgen rauskommen wollen. 

Samstag, 5. März 2011

Geld

Telefoniert mit Taewoo gestern Vormittag wegen des genauen Wortlauts des Schwein/Fisch-Witzes. Der Umgang dabei, wie der Taewoo ist, mit wem ich es da zu tun habe. Gleich gedacht und nachmittags dann noch ein paar Mal erinnert: Hat der geglaubt, dass meine Frage nach dem Witz nur Vorwand ist und ich will ihn anpumpen. Gedacht, weil er so unnatürlich sofort darauf zu sprechen kam, dass er mal wieder arbeiten gehen müsse; er habe kein Material mehr (Geld meinte er damit). – Der kleine Pisser, wie kommt er darauf, dass ich ihn anpumpen könnte! – Die Aggressivität mit dem kleinen Pisser unpassend, Zitat einer Emotionalität, die ich augenblicklich gar nicht habe. Der Verdacht möglicherweise eine Projektion. Unbegründet allerdings nicht: Als ich einmal auf die Frage, wie es mir geht, auf Geldschwierigkeiten hinwies, wie er da auch viel zu schnell von den eigenen Geldschwierigkeiten sprach. – Was so ein Erlebnis (Telefonat mit Taewoo) zurücklässt. - Die Überweisung von der Gönnerin noch nicht auf dem Konto; kommt sie gar nicht; was ist passiert? - Anruf, sie auf dem Sprung. Sie habe überwiesen. Aber jetzt kann sie nicht telefonieren. Draußen wartet das Taxi. Sie muss zum Arzt. Den denkbar falschen Moment erwischt. Oder bin ich gerade abgewimmelt worden? Kein zwingender Grund, das zu glauben. Das jetzt wirklich Projektion. Hoffe ich. Trotzdem: Was so ein Erlebnis zurücklässt. – Der dritte Absatz im Text von gestern. Alles wahr und deshalb nicht unzart. Aber die Gedanken hinterher. Die Hardcore-Fassung von: eine Liebesheldin ist sie nicht; aber ich verstehe, dass sie zuerst an ihre Versorgung denken muss. Hardcore-Fassung: Wenn ich irgendwann wieder Geld haben sollte, wenn sie dann zu mir kommt, wie soll sich das dann anfühlen? Alleine schon deshalb, weil es dann viel Geld und sicheres Geld sein muss, denn ist im anderen Fall nicht zu fürchten, dass sie dann auch ganz schnell wieder weg ist? Was solche Gedanken zurücklassen. – Kalte Kippen auf den Lippen und in den Herzen Asche. – Am Nachmittag schlechteste Laune des Jahres und jeder zu bemitleiden, der es mit mir zu tun kriegte. Die Frau vor mir am Straßenrand in der Hohenstaufenstraße, die erschrickt, als sie mich dicht hinter sich bemerkt. – Sie: Jetzt bin ich aber erschrocken. – Ich: Vor mir müssen Sie nicht erschrecken. – Gesagt in einem Ton, dass es zum Erschrecken war. – Die schlechte Laune und bei allen Anlässen dazu Geld, Geld, Geld.

Nicht denken, handeln! – Heute das mit Taewoo aufgreifen? – Seine Fähigkeit, mich so aufzubringen, dass ich spucke vor Zorn. – Die SMS damals: Warum lässt du dir nicht ein paar hübsche Titten machen und eine kleine Muschi, die zu dir passt. – Er beleidigt. So war es gedacht. – Ein halbes Jahr später, wie er Format gezeigt hat bei der Versöhnung. – Das Telefongespräch. Meine Gedanken. Projektion. Erinnerung an die SMS, die Versöhnung, sein Format. – Illustration zum Thema: Jemanden nehmen wie er ist. – Realismus jenseits der Dramatisierung. Und wieder etwas, das schwer zu fassen ist: Ich will gar nicht mehr Menschen in meiner Nähe haben. Es fehlt mir nur einer. 

Der Text ist vom Vormittag. Post über Taewoo - Zicke - nun mit einem ganz anderen Ende als ihn nehmen wie er ist.  Nicht weise, aber wahrhaftig. Die psychologisierende Version der SMS von damals. - Im Text ein logischer Fehler? Wenn er zurückweicht, weil er mich immer noch als jemanden sieht, der sich um ihn bemüht, dann ist er keine Zicke. - Die Passage streichen oder die Ironie deutlich machen? Abwarten, wie es sich morgen liest. 

Freitag, 4. März 2011

Mäkelig

Anruf Peter: Ich habe Entzugserscheinungen. – Er konnte meinen Blog heute Früh nicht finden, weil er immer über eine Umleitung von Das tägliche Biest zu Biest zu Biest reingekommen ist. Die hat nicht mehr funktioniert, weil ich gestern Das tägliche Biest gelöscht habe. – Ist es Hunderttausenden anderer Leser heute Morgen ebenso ergangen? – Kann ich mir nicht vorstellen. Habe trotzdem, um sicher zu gehen, Das tägliche Biest wiederhergestellt und müsste jetzt eigentlich im Blog gleich darüber schreiben. Titel: Störung. Habe dazu aber nicht die geringste Lust. Dann bleibt Das tägliche Biest eben ungelöscht. Und dass die Leute heute Früh einen Schock erlebt haben, ist auch kein Fehler. Dann sehen sie mal, was sie an meinem Blog haben.

Heute, wie ich Adriana Altaras kennengelernt und mit ihr im Sinn die Schicksengeschichte geschrieben habe. Auch dazu habe ich keine Lust. Doch wenn nichts Überraschendes passiert, mache ich das, um endlich den Schicksenplot in Das alte Biest reinzustellen und damit dann gut für immer. – Mir fehlt es an Energie heute. Müde. Zu früh aufgewacht (5.15 Uhr) und danach nicht mehr richtig eingeschlafen. Aufgewacht mit Konzeptionsgedanken. Es arbeitet weiter in mir: Über die beschränkten Verhältnisse hinausgehen. Mit dem Plotten, aristotelisch hin, aristotelisch her, ist mir das gelungen. Das fehlt jetzt. Ich sitze fest im Wie es ist. Reagiere mehr, als dass ich agiere. Produziere nichts, was für sich selbst steht: Produkt, das der Welt etwas Neues hinzufügt, das es vorher noch nicht gegeben hat, autonom, glatt, opak, singulär wie ein Kieselstein. Das war immer das Ideal. – Doch das muss ich nicht aufgeben, nachdem ich nichts mehr erfinden will, meint der Morgengedanke. Statt der (formatierten) Plotphantasien lasse ich meine paranoische Empathie auf die beschränkten Verhältnisse los – und das Schreiben selbst. Wenn das noch freier und unabhängiger wird, wenn ich andere Sätze schreibe als die hier, dann muss ich über die Beschränktheit meiner Verhältnisse nicht mehr nachdenken und kann durchschlafen.

Keine Schlafstörung ohne die Frau von gegenüber. Ich habe es gewusst, dass es so kommt: Wenn sie mir ihr Licht wieder zeigt - Dachlukenlicht, Licht hinter dem geschlossenen Vorhang im kleinen Apartment fka Contessa-Zimmer –, wenn sie mir ihr Licht zeigt, dann zeigt sie es mir auch wieder nicht. Das habe ich gedacht noch während ich mich gefreut habe, dass sie es mir wieder gezeigt hat und deshalb habe ich weiter gedacht, dass es mir lieber wäre, sie würde es nicht tun, weil ich dann wieder anfange nach dem Licht zu schielen, und weil ich dann darüber grüble, warum sie es mir nicht mehr – oder nur kurz – zeigt wie gestern. – Sie zeigt mir ihr Licht nur, um eine Semiotik zu haben, mit der sie ihre urteilende, mäkelige Art ausleben kann, könnte ich denken. Kann mir aber auch vorstellen, dass sie einfach nur kommunizieren will mit mir, sich äußern will und dabei kommt dann eben ihre mäkelige urteilende Art zum Vorschein. Doch gegen die kann ich alleine schon deshalb nichts haben, weil ich selbst auch so bin. Aber wie! – Nur ohne Verständigung über die Mäkeleien und die kritischen Urteile ist es lästig und nervig ihnen ausgesetzt zu sein. Deshalb: Bitte die Licht-Semiotik einstellen! – Die kritischen Bemerkungen notieren und mir mitteilen an dem schönen Tag, an dem wir auch alles andere besprechen werden. Und bis dahin sich freuen auf diesen Tag und eine viel lebendigere Vorstellung haben vom anderen als durch diese Licht-Phantomatik. - Lebendiger die Vorstellung, da gebildet aus all den realen Eindrücken, die ich von ihr gesammelt habe in den vergangenen zwei Jahren. - Ausgerechnet heute, da ich so müde bin, muss ich dieses schwer zu fassende Phänomen beschreiben. Mal provisorisch, so einfach wie möglich: Seit ich sie nicht mehr Tess oder Contessa nenne – und wenn ich kein Licht sehe oder erwarte oder vermisse -, ist sie mir näher und ich habe ein stärkeres und schöneres Gefühl beim Gedanken an sie.

Donnerstag, 3. März 2011

Leere

Nachher endlich mal Das tägliche Biest löschen. Aufräumen. Nur das. Keine symbolische Handlung. Die Frau von gegenüber soll nicht denken, dass das eine weitere Geste des Abstandnehmens ist. Es gibt kein Abstandnehmen. Die Distanz ist da, sie muss nicht hergestellt werden. Sie wird nur inzwischen akzeptiert und hingenommen. Doch das Löschen des Blogs unter seinem ursprünglichen Namen, eingerichtet an einem Abend aus dem Schreiben an die Tess heraus, hat damit nichts zu tun.

Es ist alles schon da. Das neue Leben. Meine Rolle. Meine Sphäre. Meine Art, Geschichten zu erzählen. Alles, was ich tun muss, ist, es weiter zu treiben, es besser, mehr daraus zu machen. In den Morgenseiten vorhin hat es sich noch nicht so platt angehört. Weil es konkreter formuliert war. Reaktion auf gestern, auf die Unzufriedenheit, die sich verborgen hat hinter der Erinnerung an die Zeit der ständigen Ploteinfälle: das Bloggen ist zu wenig, mir fehlt ein größeres Projekt, der große Wurf, für den ich mich begeistern kann. – Jetzt: Das Bloggen ist so viel, wie ich daraus mache. Ich kann Reporter sein, ich kann Erzähler sein, ich kann Romancier meines Lebens sein in meinem Schreibladen mit den beiden Blogs. – Und ich habe es nicht mehr nötig, mich der Hohlheit des Konzipierens und Planens auszusetzen. Für alles, was ich tun will, finde ich Ansatzpunkte im Blog. Es hat alles schon begonnen. Auf alle Fragen gibt es hier eine konkrete Antwort. Alle Entscheidungen sind hier zu treffen. Der nächste Schritt ist immer hier. Und die Unzufriedenheit kommt auch von hier. Sie ist Reaktion auf die Leere, die die Namen Contessa und Tess hinterlassen haben, seit ich sie nicht mehr benutze und mir noch nicht im Klaren bin, was das bedeutet, was bleiben wird und wie ich damit umgehe: mit der Präsenz der realen Person auf der anderen Straßenseite, mit dem Verlangen nach ihrem Körper beim Aufwachen heute Morgen, mit der Erinnerung an ein Leidenschaftsdrama, das beendet ist, aber (noch) nicht vorbei.

Mittwoch, 2. März 2011

Muster

Was war´n das? – Geträumt oder gedacht? – Geträumt vergangene Nacht: Ich erinnere mich daran, wie mir viele Jahre lang zu allem, was mir aufgefallen ist im Leben – was meine Aufmerksamkeit erregt hat – sofort der Anfang einer Geschichte eingefallen ist. Eine Plotidee: Hauptperson, eine kritische Situation, in die sie gerät, Konflikt, der daraus entsteht  – und der Rest ist Verschärfung des Konflikts und am Ende gibt es eine Auflösung. Weiter in dem Traum gedacht, dass ich darüber mal schreiben sollte im Blog. Dass das so war. - Und dass es mir fehlt? – Habe ich das auch gedacht in dem Traum? – Habe ich mich etwa wehmütig erinnert an diesen Reflex, den ich fast 20 Jahre lang hatte und kultiviert habe? – Warum soll ich darüber schreiben? – Dann muss ich doch auch schreiben, wie es danach weiter ging mit diesen Einfällen. Das habe ich mir schon im Traum überlegt, dass ich das dann auch erwähnen muss. Wie ich erst mit Begeisterung und mir zufliegenden weiteren Einfällen, dann aber mit zunehmender Mühe und Plackerei die Idee ausgesponnen habe. Wie sie dann oftmals zu nichts führte oder zu etwas führte, das mich schließlich nicht mehr interessierte. Und der Grund dafür war wohl, dass ich mich knechtisch dem Drama-Muster unterworfen habe, das Aristoteles in seiner Poetik beschrieben und das seither unermüdlich und immer wieder mit großem Erfolg angewandt wird. – Beispiel? – Irgend einen kommerziellen Film von 90 Minuten angucken und darauf achten, was um die 23. Minute passiert, die 46. Minute und die 69. Minute. Was da passiert, das sind die Plotpoints, Peripetien, Wendepunkte, die die Handlung vorantreiben, so dass die Hauptperson immer mehr in Schwierigkeiten gerät, sich dabei aber entwickelt in ihrem Charakter, und wenn die Hauptperson sich gut entwickelt, dann ist es eine Komödie und wenn nicht, dann ist es eine Tragödie. Und alles in allem ist es eine Riesen-Dumpfheit immer noch nach diesem Muster zu erzählen, nachdem sich menschlich so viel getan hat in den letzten 2000 Jahren. Wenn auch bis heute immer wieder sehr viel Schönes gemacht wird nach diesem Muster. So dass Viele in der Film- und Fernsehindustrie und inzwischen auch wieder bei den Verlagen davon überzeugt sind, dass dieses Muster eine Art anthropologische Konstante ist – dass Geschichten, mit denen man den Homo sapiens erfreuen kann, so gebaut sein müssen und nicht anders. Mir sind mit diesem Muster auch ein paar Geschichten gelungen, die mir abgekauft wurden und auf die ich stolz war. Und trotzdem ist nichts Richtiges draus geworden – nichts aus meiner Arbeit und nichts aus mir. Heute denke ich: Weil ich nicht den Mumm hatte, mich über dieses Muster hinwegzusetzen. Weil ich nicht den Mut und nicht die Kraft hatte, meine Geschichten auf meine eigene Art zu erzählen, statt sie diesem Muster zu unterwerfen, um sie marktgerecht zu machen. Aber da ich den Mumm nicht hatte, der auch der Mumm hätte sein müssen, sich mit meiner eigenen Art durchzusetzen in dem Betrieb, hatte ich in dem Metier des Drehbuchschreibens nichts verloren, und ist es nur gut, dass ich es aufgegeben habe. Und deshalb weiß ich nun nicht, was der Traum sollte, worauf er hinaus wollte– worauf ich hinaus wollte, indem ich diesen Traum geträumt habe. – Heute Morgen habe ich eine Weile auf der Erinnerung an den Traum herumgedacht. Will ich mir etwa wieder Geschichten ausdenken? Aber ich habe den Reflex doch gar nicht mehr, dass ich zum Beispiel aufmerksam werde auf Frauen, die in allem so behandelt werden wollen wie Männer und auch so auftreten, nur in Liebesdingen nicht  – dass ich mir dann sofort eine solche Frau vorstelle oder einen Mann, der mit so einer Frau zu tun bekommt und dann verlieben die sich, und dann ist es schon mal eine romantische Komödie – und das ist gut, weil gefragt auf dem Fernsehmarkt. Dabei kommt natürlich alles auf den Konflikt an, in welchen die beiden geraten, weil sie so unbeschreiblich traditionell weiblich ist in Liebesdingen sonst aber ganz anders. Im Konflikt entfaltet sich das Thema und der Konflikt ist zugleich die Bewährungsprobe für das Paar, die es bestehen muss - mit Erfolg, damit es ein glückliches Ende gibt. Das ist das Muster, in diesem Fall der Romantic Comedy. Und das ist dann die Mühe und die Plackerei, da den Grundeinfall reinzuquetschen, so reinzuquetschen, dass alles ganz leicht wirkt und lebendig. Und wenn ich daran denke, an diese knechtische Plackerei, diesen Unfug auch des Immergleichen, da kann ich nur sagen: Wie gut, dass ich den Reflex nicht mehr habe und keine Einfälle mehr.

Im weiteren Traumgeschehen ging es um Katzen. Ich wollte mir eine Katze kaufen. 80 Euro hatte ich dabei. Die habe ich dem Typ, der die Katzen verkaufte, gezeigt. An seiner Reaktion, wie er das gezeigte Geld gierig befingerte, habe ich erkannt, dass es ein Fehler gewesen ist, es ihm zu zeigen; dass ich, hätte ich es ihm nicht gezeigt, die Katze zu einem geringeren Preis bekommen hätte. Doch Geld war dann kein Thema mehr. Denn nun stand ich vor der Entscheidung: Soll ich eine der beiden winzigen Katzen nehmen, die aber noch zu klein sind, um ein Katzenklo zu benutzen, oder soll ich eine der beiden halbwüchsigen Katzen kaufen, bei denen es sich um Kater handelt. Kater, die kastriert werden müssen. Was ich einsehe, dass das sein muss (macht man es nicht, stinkt die ganze Wohnung nach ihren Kater-Duftmarken), aber ich will nicht der Typ sein, der einen kleinen Kater kastrieren lässt. – Ich bin aufgewacht, bevor ich mich entschieden hatte. Mal wieder eine Viertelstunde zu spät aufgewacht, um es noch zum Frühschwimmen zu schaffen.

Die viel schönere, interessantere Tiergeschichte habe ich beim Frühstück gelesen: Mann, haben wir ´nen Kater. – Zu Anfang wird davon erzählt, wie der ausgewilderte Löwe die beiden Männer, die ihn in London aufgezogen haben, nach einem Jahr in der Savanne Kenias wiedersieht und sich dann in einem spannenden Moment der Ungewissheit auf die beiden stürzt – doch nicht um sie anzugreifen, sondern um sie zu umarmen. – Einer der Männer hat hinterher gesagt, dass das der schönste Moment in seinem Leben gewesen ist. Das kann ich gut verstehen, weil ich einmal etwas Ähnliches erlebt habe: als meine Katze, nachdem sie eine Woche lang vermisst war und ich schon glaubte, sie verloren zu haben, nach Hause gekommen ist und sie sich ähnlich gefreut hat, mich zu sehen, wie der Löwe, als er die beiden Männer gesehen hat. Da habe ich hinterher auch gedacht, dass das der schönste Moment in meinem Leben gewesen ist, auch wenn die Katze zu klein war, um mich zu umarmen. - Auf YouTube gibt es ein Video der Wiedersehensszene in der Savanne.. Bitte gucken und verstehen, was ich mit Umarmen meine!

Dienstag, 1. März 2011

Anblick

Konzeptionelle Überlegungen sind auch eine Methode, um auf neue Ideen zu kommen. Letzten Endes ist es egal, wo die Möbel stehen. Aber wenn sie heute an einer anderen Stelle stehen als gestern, sehe ich vielleicht heute etwas, das ich gestern nicht gesehen habe.
Was ich dringend mal sehen müsste, ist ein Weg, um auf Geld zuzugehen. Das neue Leben als Businessplan. Immer noch Phase 1: Qualität des Blogs verbessern, dann Werbung für den Blog auf meiner Facebook-Seite, mehr Leser, und dann so bald wie möglich überzeugend die Hand aufhalten.
Mir ein neues Leben schreiben: Nicht nur mir eine neue Rolle schreiben, mir auch meine Sphäre schreiben, weiterschreiben. Meine Welt. So dass sie auch anderen gefällt? – Daran brauche ich nicht zu denken. So anspruchsvoll wie ich bin, wird sie auch anderen gefallen, wenn ich es hinkriege, dass sie mir gefällt. – Kritik Inges: die engen Verhältnisse, in denen ich lebe, in denen ich mit meinen Möglichkeiten nicht zur Geltung komme; deshalb würde sie mich am liebsten ins Auto packen und mit mir wohin fahren, wo ich mal was anderes sehe. – Dagegen ich: dass es mir gefällt in der engen Welt, dass meine Kunst – Lebens- und Schreibkunst – sein soll, daraus was zu machen. Dann muss ich das jetzt aber auch mal tun. Heute jedoch nicht die geringste Chance. Im Volkspark ein Typ im roten Anorak, der aussieht wie ein DDR-Rudertrainer (Frauen-Rudern); ein gefällter Baum, Stamm und Äste zersägt, abholbereit daliegend. Mehr war nicht. Die Kinder noch. Kindergartenausflug bei dem schönen Wetter. Ich lasse den Kindern und den Erziehern den Vortritt an der Barriere unterhalb der Fußgängerbrücke über die Bundesallee. Während die Kinder an mir vorbeigehen, schauen mich erst ein kleines Mädchen, dann zwei kleine Jungs sehr ernst an. Ich beobachte das nur aus dem Augenwinkel. Erwidere den Blick der Kinder nicht. Will sie nicht noch mehr irritieren, als ich es ohnehin schon tue mit meinem Anblick. So einen wie mich sehen sie nicht alle Tage. So einen kennen sie auch nicht aus dem Fernsehen. Was sehen sie in mir? – Ihr Gesichtsausdruck war kurz vorm Erschrecken. Ich hätte lächeln sollen. Da bin ich in meiner Nachdenklichkeit nicht drauf gekommen. Ich sah wahrscheinlich furchterregend aus in meiner Nachdenklichkeit. Jetzt haben sie so etwas auch mal gesehen. Wenn ich morgen sterbe, lebe ich als dieser Anblick weiter in der Erinnerung der drei Kinder.

Satz aus dem weggeschmissenen Text von heute Vormittag, weil er mir so gut gefällt. Zum Stichwort Discount-Promotionen: Den Unfug beenden, dass jeder Karrierehengst sich inzwischen mit einem Doktor-Titel aufzäumt, und damit die Leistung von Leuten entwertet wird, die Jahre an ihrer Dissertation sitzen, dabei oftmals ihr bescheidenes Erbe verknallen und dann für den Rest ihres Lebens Taxi fahren müssen … .