Mittwoch, 2. November 2011

Zitate

Nach einer zufälligen Begegnung mit dem lesenden Künstler kann ich mich stundenlang nicht leiden, weil ich, um mich seiner zu erwehren, einen solchen Blödsinn geredet habe, dass ich nicht mehr unterscheiden konnte, ob das am lesenden Künstler lag oder daran, dass ich zunehmend verblöde. Der Text, den ich darüber geschrieben habe, den habe ich weggeworfen, da er mich angewidert hat, so wie ich von mir angewidert war nach der Begegnung mit dem lesenden Künstler. Der Text endet mit der Einsicht, dass die Äußerungen des lesenden Künstlers deshalb so beherrscht sind von Gelesenem, weil er selbst herrschen will, sich das aber nicht zutraut (mit seinen eigenen Gedanken). Dazu ist mir ein Satz von Walter Benjamin über Zitate eingefallen: Zitate in meiner Arbeit sind wie Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen.

Der lesende Künstler hatte es dieses Mal mit Artaud. Antonin Artaud, Theater der Grausamkeit. Artaud zufolge sind die Gedanken, auf die wir uns so viel zugute halten, nichts anderes als Überformungen von so elementaren Vorgängen wie zum Beispiel Verdauung. Das habe ich auch schon gedacht, das haben auch schon viele andere gedacht. Da ist was dran, könnte man sagen. Nur, indem man es ausspricht und behauptet, es ist so und nicht anders, wird es falsch. Und wenn man ins Feld zieht mit so einem Satz, um andere Auffassungen damit zu unterwerfen, ist der Satz nicht besser als jeder x-beliebige Satz eines Faschisten. Das hätte ich dem lesenden Künstler geduldig entgegenhalten können. Ich habe es nicht getan, weil ich nicht wollte, dass er mir dann mit anderem Gelesenen kommt, weil ich diese Art von Dialog nicht führen wollte, weil ich gar nicht mit ihm reden wollte. Also hätte ich schweigen sollen. Das ist mir nicht gelungen. Hinterher konnte ich mich nicht leiden. Da es passiert war, musste ich darüber schreiben. Das ist jetzt der dritte Versuch. Den werfe ich nicht weg. Damit es endlich weitergehen kann.

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