Montag, 7. November 2011

Aufträge

Ich muss mich um mein Geschäft kümmern!

Ein offenbar vielen Fernsehzuschauern bekannter ZDF-Moderator: Volker Panzer lässt bei Hermann malen. Auftrag ist jeweils: Male mir ein Gemälde nach dem und dem Motiv. Beim ersten Auftrag war es ein Sonderangebot eines Supermarkts: ein Kilo Schweinefleisch für 1 Euro 99. Was offenbar sehr billig ist, zu billig, und insofern ist das ein kritischer Aufmerker wegen Massentierhaltung, nehme ich an. Beim zweiten Mal war es ein Foto vom Eingang zu einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, ehemalige DDR), und da war ein Schild, auf dem stand Geschlossen; daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern, auf jeden Fall ist es so, dass auch da etwas kritisch zu sehen war. Dritter Auftrag: Fliesenboden und darauf breitgetretenes ausgespucktes Kaugummi. Dieses gerade fertiggestellte Gemälde hat Hermann noch in seinem Atelier, das hat er uns gezeigt und das hat uns allen sehr gut gefallen.

Trotzdem (und ich gebe zu, vielleicht nur wegen meiner Feindseligkeit gegenüber dem Zwangsgebührenfernsehen): Was passiert da? Worum geht es bei den Mal-Aufträgen des ZDF-Moderators? - Er lässt seine  kritische Intelligenz ästhetisieren. Für die wird er geschätzt  von den Zuschauern seiner ZDF-Sendung. Das genügt ihm nicht. Er will sie dokumentiert, als Schaustück in Acryl auf Leinwand an der Wand hängen haben. Bei sich zu Hause. Oder in seinem ZDF-Büro. Oder in dem ZDF-Konferenzraum seines Teams zur Anregung für weitere Höhepunkte kritischer Fernsehintelligenz. Denn darum geht es, dass das mit den Gemälden dokumentierte Aufmerken die Fernsehintelligenz ist und das Kritischsein des Fernsehens und ein anderes gibt es nicht. Man möchte kotzen und in die Kotze hineinweinen vor Verzweiflung. Auftrag an Hermann: Male mir ein Gemälde mit einer Lache von Kotze, in der sich ein See von Tränen bildet.

Was lerne ich daraus für mein Geschäft? – Ein Bild kann man sich an die Wand hängen und alle, die zu einem kommen, sehen es. Einen Text nicht. Was kann man mit einem Text machen, der in meinem Blog steht? Text, der eine Person porträtiert, die den Text selbst in Auftrag gegeben hat oder eine andere Person hat es getan. Als Geschenk für den Porträtierten: Der hat dann mich getroffen und ich habe über ihn geschrieben. Oder der Porträtierte sollte überrascht werden; der Auftraggeber hat zu mir gesagt: das ist die Person, die ich von dir porträtiert haben will. Da und dort kannst du sie treffen, mache dich an sie heran, aber so, dass sie es nicht merkt, dass du vorhast, sie zu porträtieren. Das nur mal als Anregung. – Und dann ist das Porträt geschrieben und gepostet in meinem Blog. Post zum Beispiel mit dem Titel Panzer. Und das Link dazu kann der Mann nun verschicken an seine Verwandten, Freunde und Bewunderer per E-Mail oder auch nicht, denn es könnte ihm auch genügen, dass jeder, der ihn googelt, bei den Treffern auf seinen Namen mein Porträt von ihm findet in meinem Blog. So geht das. Es muss nur mal anfangen. Im Grunde hat es schon angefangen. Nur noch nicht als Geschäft.

In Heidelberg habe ich eine Frau gekannt, die lebt inzwischen seit vielen Jahren in Düsseldorf, und ich habe den Kontakt zu ihr verloren: Norika Nienstedt. Künstlerin, Malerin und Bastlerin. In ihrer Heidelberger Zeit hat sie ihren Lebensunterhalt als Puppenmacherin verdient. Norika hat Porträtpuppen hergestellt. Puppen etwa so groß wie Kasperletheater-Puppen. Aber keine Handpuppen oder Marionetten. Puppen, um sie sich hinzustellen oder hinzusetzen zum Anschauen und sie um sich herum zu haben. Miniaturisierte Doppelgänger der porträtierten Personen und alleine schon die Miniaturisierung ist ein hinreißender Effekt der Puppen: die Gesichter geformt aus Plastilin nach Fotos, angezogen auf die für die porträtierte Person typische Art. Auf die Kleidung hat Norika immer größte Sorgfalt verwandt und die miniaturisierte und zugleich authentisch wirkende Kleidung war auch einer der Gründe, weswegen man gar nicht genug kriegen konnte vom Ansehen von Norikas Puppen. Ihre Aufträge bekam sie über Weiterempfehlung und den Auch-haben-wollen-Effekt. Aber eines Tages wird der Heidelberger Markt bedient gewesen sein und vielleicht ist sie auch deshalb nach Düsseldorf umgezogen. 

Was kann ich von Norikas Porträtpuppen lernen? 

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