Dienstag, 10. April 2012

Rüstung

Sie auf dem Weg zum Hallenbad. Ich auf dem Rückweg. Sie fährt mit dem Fahrrad über den Bürgersteig, um abzukürzen das Abbiegen auf der Kreuzung Belziger / Eisenacherstraße und dabei sieht sie mich an der Ampel stehen und guckt gleich wieder weg. Grüßt nicht. Verdrückt sich eilig um die Ecke, so dass ich sie auch nicht grüßen kann. Aha! Das ist jetzt unser Status, nachdem ich ausfällig geworden bin gegen sie. Indem ich in Erinnerung brachte, wie wir uns kennengelernt haben. Zwei Teile. Teil 1: sie in einem beklagenswerten Zustand, selbstverschuldet. Teil 2: sie verblüfft mich mit der Souveränität, mit der sie nachträglich damit umgeht. Wir machen Bekanntschaft miteinander. Und alles, was danach kommt, ist immer weiter bekannt werden bis zu heute Morgen, da sie dem Bekanntwerden ein Ende gemacht hat. Was ich in Ordnung finde. Ich war bösartig – und so bissig, wie sie es auch sein kann. Sie lässt sich nichts gefallen. So wie auch ich mir nichts gefallen lasse, und deshalb war ich bösartig. Allerdings auch diskret. Es muss sie jemand schon sehr gut kennen, um meine Ausfälligkeit auf sie zu beziehen, und wenn er sie so gut kennt, dann ist es keine Neuigkeit, was ich angesprochen habe. Es ist auch nichts Schlimmes; sie betreibt keinen Handel mit minderjährigen Jungfrauen aus Somalia. Es steht nur in einem Kontrast von Kläglichkeit gegen ihren Hochmut. Und ihr Hochmut hat mich immer aufgebracht und zugleich auch fasziniert: Wie kann jemand so sein?! Wie kann sie sich so gehen lassen?! Ich bremse mich doch auch in meiner Überheblichkeit. Kriegt sie sich selbst nicht mit oder findet sie sich gut so wie sie ist oder ist ihr Hochmut ein Schutz? Teil der Rüstung, die sie trägt? Dass sie eine Rüstung trägt, habe ich schon nach kurzer Zeit der Bekanntschaft mit ihr bemerkt und ich habe mir das damit erklärt, dass sie Karriere gemacht hat in einer Männerwelt, als das noch nicht so selbstverständlich war, und dass sie ihre Vorliebe für Frauen entdeckt hat zu einer Zeit, als lesbische Beziehungen noch nicht selbstverständlich waren. Dass sie eine Lesbe ist, das ist eine Vermutung von mir. Ich habe sie nie danach gefragt, wen sie meinte, wenn sie von wir sprach: wir sind dorthin gefahren, wir haben uns das und das angeschaut. Sie hat es im Unklaren gelassen. Denn es geht niemanden etwas an. Und ist es denn so wichtig? – Nein. Aber es hat mich trotzdem interessiert. Weil ich sie interessant fand und gerne mehr mit ihr geteilt, vertraulicher mit ihr geredet hätte. Meinetwegen auch über Frauen. Wie Kerle über Frauen reden. So bin ich überhaupt darauf gekommen dass sie lesbisch sein könnte: wegen der Mackerhaftigkeiten, die ich an ihr wahrgenommen habe. Sie kann etwas von einem Kerl haben.  Sie kann aber auch so mädchenhaft und dabei so zuckersüß liebenswürdig sein, dass von ihrem Hochmut und ihrer Rüstung nichts mehr zu sehen ist. Deswegen habe ich sie in mein Herz geschlossen. Wegen beidem. Wegen der Liebenswürdigkeit und der Rüstung. Und deshalb hat es mir leid getan heute Morgen, als ich sah, dass wir uns jetzt nicht einmal mehr grüßen.

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