Mittwoch, 7. März 2012

Berlin/Köln/Henan

Beim Einkaufen lasse ich mir extra viel Zeit in der Hoffnung, dass etwas passiert, das wichtiger ist als die Geschichte aus China, die andernfalls die Geschichte des Tages sein wird.

Die Frau  im himmelblauen Mantel und mit den stolz getragenen grauen Haaren hat eine Tochter im roten Anorak und trägt einen grauen stola-artigen Schal über dem Mantel und silbrige Kappen auf den Spitzen ihrer hellbraunen Schuhe, die ich auch dann affig und unschön fände, die Kappen, wenn die Frau zu mir her gelächelt hätte wie das letzte Mal, statt verkniffen an mir vorbei zu gucken, was schon in Ordnung ist, denn so eine Lächelbeziehung ist schnell angefangen, aber was dann, wenn man gar nichts voneinander will? Doch, fotografiert hätte ich sie zu gerne, so lange sie noch den himmelblauen Mantel anhat. Ein himmelblauer Mantel ist sowieso eine gute Wahl, aber an ihr sieht er aus, als sei er für sie erfunden worden. Das vollkommene Kleidungsstück für sich gefunden haben. Leute, denen es immer wieder gelingt. Aber warum jetzt der um die Schultern gewickelte graue Schal, wo es doch gar nicht mehr so kalt ist und es nicht mehr lange hin ist, bis das Kurzärmelwetter losgeht und der Mantel monatelang im Schrank hängen wird? – Überhaupt kein Problem für mich, eine fremde Person so etwas zu fragen. Nur bin ich nicht immer in der Stimmung dazu. Da kann es dann passieren, dass ich jedes Mal, wenn ich die Person treffe, nicht  in der Stimmung bin. So wie es mir heute auch lieber war, dass wir nicht miteinander gelächelt haben. Obwohl ich gar nicht schlecht gelaunt bin, nur anders als die anderen und deshalb passe ich nicht ins Leben. Was mir egal sein kann bis zu dem Moment, als ich bei Europa Versicherungen anrufe wegen eines Missverständnisses über eine Vertragsauflösung, das mich 132, 81 Euro kosten kann, die ich nicht habe. Vielleicht hat ihr vorher schon mein nicht-schlecht-gelaunter Ton nicht gepasst, der Frau am Telefon, jetzt geht es um den Sachbearbeiter, mit dem es zu dem Missverständnis gekommen ist. Das ist der Herr Xy gewesen, sagt sie. Und in einer Mischung aus Panik und Übermut frage ich: Ist er gestorben oder pensioniert? - Übermut ist klar. Panik, weil das jetzt noch fehlen würde, wenn der Mann der das Missverständnis noch am ehesten ausräumen kann, nicht mehr bei Europa Versicherungen tätig wäre. Gewesen hat sie gesagt und was antwortet sie? Sie sagt: Bitte unterlassen Sie Ihre Wortspiele, das bringt uns jetzt nicht weiter. Und damit, ich gebe es zu, triggert sie das Arschloch in mir. Der Rest ist das Arschloch in mir und Muttiherrschaft mit Kölner Akzent. Sie will mich dann telefonisch weiterleiten an Herrn Xy. Dabei fliege ich aus der Leitung und dafür kann sie wahrscheinlich nicht mal was. Meine größte wachsende Sorge in meinem Leben ist es, in den letzten Tagen meines Lebens, wenn es nur noch um die ausreichende Versorgung mit Flüssigkeit und um nicht ganz so schmerzhaftes Liegen geht, so einer Frau ausgeliefert zu sein, die das Arschloch in mir triggert und dann ihre Muttiherrschaft ausübt an meinem Sterbebett. 

Die Geschichte aus China ist, dass es dort eine an Samstagabenden gezeigte Fernsehsendung gibt, in der zum Tode Verurteilte kurz vor ihrer Hinrichtung interviewt werden von einer adrett gekleideten Moderatorin, die es mit diesen Interviews zu Starruhm gebracht hat. Erst stellt sie den Frauen und Männern, die kurz darauf erschossen oder mit einer Giftspritze getötet werden, zur Auflockerung Fragen nach ihren Vorlieben im Leben, was ich besonders makaber finde, und dann spricht sie mit ihnen über ihre Straftaten – in der Absicht, den Todgeweihten ein Reuebekenntnis zu entlocken. Die Sendung ist sehr populär und das Reuebekenntnis scheint der Moment höchster Erbauung für das Publikum zu sein. Aber es klappt nicht immer. Eine Frau, zum Tode verurteilt, weil sie ihren Mann ermordet hat, zeigte sich uneinsichtig und wies im TV-Interview darauf hin, dass der Mann sie mehrmals vergewaltigt hatte. Darauf soll die adrett gekleidete beliebte Moderatorin zu der Frau gesagt haben: Ich kann deine Gründe nicht nachvollziehen.  Warum erzähle ich das? Weil mir die beiden Frauen den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gegangen sind. Was fällt mir dazu ein? Wie sie wohl die Interviewpartner für die Show rekrutieren? Casten, möchte ich es in dem Zusammenhang nicht nennen. Mit was kann man jemanden locken, der bald hingerichtet wird? – Du musst wissen, es gibt verschiedene Arten zu sterben. Es kann sein wie ein Wimpernschlag oder so, dass du richtig was davon hast. Also was willst du?


Daily Mail: The Execution Factor

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