Donnerstag, 11. August 2011
59
Geburtstag habe ich gefeiert, indem ich mich habe gehen lassen beim Schreiben: vorgestern, indem ich eine Filmkritik geschrieben habe, streng verboten im Blog, und gestern habe ich geschrieben über etwas aus den Zeitungen, was es auch nicht mehr geben soll im Blog. Am Morgen habe ich gedacht, dass 59 ein sehr gutes Alter ist und dass ich am liebsten jetzt 20 Jahre lang 59 wäre, und danach setze ich mich zur Ruhe und bereite mich aufs Sterben vor. Es haben alle angerufen oder geschrieben, die immer anrufen oder schreiben, außer einer Person, und darüber denke ich jetzt nach, warum die nicht angerufen hat. Das ist das Einzige, was nicht gut war an diesem Geburtstag, dass ich über die Gründe dafür nachdenke, warum diese Person nicht angerufen hat. Keine wichtige Person, aber wichtig jetzt geworden dadurch, dass ich über die Gründe nachdenke schon den ganzen Vormittag, weil es mir etwas erzählen könnte über mich, wenn ich den Grund kennen würde. So aber gibt es mehrere mögliche Gründe, und wenn ich wissen wollte, welcher dieser Gründe der entscheidende war, dann müsste ich die Person nun anrufen, um sie zu fragen. Das wäre ein seltsames Verhalten. Wäre mir egal. Ich würde es machen, wenn ich nicht genau wüsste, dass die Person mir auf keinen Fall die Wahrheit sagen wird. Bürgerliche Person. Bürgerlicher Umgang. Sie würde irgendeine Ausrede vorbringen. Das würde ich merken, aber den entscheidenden Grund wüsste ich immer noch nicht. Die Person leidet an Bluthochdruck, muss deswegen Betablocker einnehmen. Vielleicht ist sie erkrankt, schwer krank, habe ich deshalb heute Morgen als erstes gedacht, als mir eingefallen ist, dass diese Person gestern nicht angerufen hat. Und dann habe ich mich amüsiert bei der Vorstellung, dass ich jemand sein könnte, der sich die Tatsache, dass ihn jemand nicht anruft an seinem Geburtstag, nur damit erklären kann, dass diejenige Person durch schwere Krankheit daran gehindert ist. Aber so bin ich nicht. Und ich nehme es der Person auch nicht übel, dass sie nicht angerufen hat. Deshalb habe ich gar nichts davon, sie in meiner Vorstellung mit einer schweren Krankheit zu strafen. Dazu ist sie mir zu sympathisch – und auch nicht wichtig genug. Nur, warum sie nicht angerufen hat, würde ich zu gerne wissen. Aber Bürgertum. Aber Verlogenheit.
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