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| Jan Vermeer, De melkmeid Öl auf Leinwand 45,5 x 41 cm ca. 1660 |
Eintritt frei: Dass die Geschichte nicht ausgedacht ist, heißt nicht, dass alles sich genau so verhält, wie es im Text steht. Da steht, wie ich es erlebt habe. Das habe ich auch deutlich gemacht, an einer Stelle jedoch nicht deutlich genug, so dass ein falscher Eindruck entstehen könnte. Da, wo es heißt, die Künstlerin habe Fotos ihres Freundes abgemalt, also kopiert (abgepaust, habe ich es im Text genannt), und die kopierte Figur mit ebenfalls von Vorlagen abgemalten Gestalten aus der griechischen Mythologie arrangiert.
Das copy and paste ist ein gebräuchliches Verfahren in der Malerei spätestens seit dem 16. Jahrhundert, seit es optische Hilfsmittel gibt – geschliffene Gläser, Linsen –, mit denen Abbilder von Gegenständen oder Personen auf Papier oder Leinwand projiziert (copy) werden können, um sie mit Stift oder Pinsel nachzuzeichnen oder nachzumalen (paste). Die ganze realistische Malerei seit dem 16. Jahrhundert ist so gemacht und die technischen Fortschritte im Realismus der Darstellung sind letztlich Fortschritte der Linsenschleifkunst und der optischen Apparate gewesen. Bis der definitive optische Apparat, die Fotokamera, die gleichen realistischen Effekte mit weniger Aufwand erzielte, so dass die Malerei sich frei machen konnte von den Gegenständen und sich ganz auf sich konzentrieren konnte: Manet, Monet, Seurat, Cézanne, Matisse, Picasso ... . – Das und noch viel mehr ist nachzulesen in David Hockneys schlauem Bilderbuch Geheimes Wissen. Wenn man es weiß, dann ist es auf einmal so klar, kann es gar nicht anders sein, wird die Moderne in der Bildenden Kunst mit ihrer Lust an der Vergröberung erst richtig verständlich. Aber wer weiß es? – Ich zum Beispiel erst, seit ich letzten Herbst die Diplomarbeit von Gerit Koglin gelesen habe und durch sie auf das Hockney-Buch gekommen bin, dem Gerit seine Einsichten verdankt. - Soll ich also in Eintritt frei eine Fußnote machen und auf das Hockney-Buch verweisen? Vor allem, um klar zu machen: wenn die Künstlerin ihren Freund, die Penelope und die Göttinnen abgemalt hat, dann ist das nicht wie Helene Hegemann und Axolotl Roadkill, dann ist das ein handwerklich integres, in der Malerei übliches Verfahren, mit dem die Künstler es sich einfacher machen, um sich aufs malerisch Wesentliche konzentrieren zu können: Bildkomposition und Farbe. Und warum erwähne ich es dann überhaupt? – Weil ich nicht eine Kunstkritik schreiben, sondern erzählen wollte, wie ich mich geärgert habe über die Künstlerin und was ich alles gedacht und gemacht und gegen sie verwendet habe in meinem Zorn. Entscheidung deshalb: Keine Fußnote. Zorn hat keine Fußnoten. Ha!
David Hockney: Der Nachbar von Jan Vermeer war Linsenschleifer.

