Mittwoch, 2. März 2011

Muster

Was war´n das? – Geträumt oder gedacht? – Geträumt vergangene Nacht: Ich erinnere mich daran, wie mir viele Jahre lang zu allem, was mir aufgefallen ist im Leben – was meine Aufmerksamkeit erregt hat – sofort der Anfang einer Geschichte eingefallen ist. Eine Plotidee: Hauptperson, eine kritische Situation, in die sie gerät, Konflikt, der daraus entsteht  – und der Rest ist Verschärfung des Konflikts und am Ende gibt es eine Auflösung. Weiter in dem Traum gedacht, dass ich darüber mal schreiben sollte im Blog. Dass das so war. - Und dass es mir fehlt? – Habe ich das auch gedacht in dem Traum? – Habe ich mich etwa wehmütig erinnert an diesen Reflex, den ich fast 20 Jahre lang hatte und kultiviert habe? – Warum soll ich darüber schreiben? – Dann muss ich doch auch schreiben, wie es danach weiter ging mit diesen Einfällen. Das habe ich mir schon im Traum überlegt, dass ich das dann auch erwähnen muss. Wie ich erst mit Begeisterung und mir zufliegenden weiteren Einfällen, dann aber mit zunehmender Mühe und Plackerei die Idee ausgesponnen habe. Wie sie dann oftmals zu nichts führte oder zu etwas führte, das mich schließlich nicht mehr interessierte. Und der Grund dafür war wohl, dass ich mich knechtisch dem Drama-Muster unterworfen habe, das Aristoteles in seiner Poetik beschrieben und das seither unermüdlich und immer wieder mit großem Erfolg angewandt wird. – Beispiel? – Irgend einen kommerziellen Film von 90 Minuten angucken und darauf achten, was um die 23. Minute passiert, die 46. Minute und die 69. Minute. Was da passiert, das sind die Plotpoints, Peripetien, Wendepunkte, die die Handlung vorantreiben, so dass die Hauptperson immer mehr in Schwierigkeiten gerät, sich dabei aber entwickelt in ihrem Charakter, und wenn die Hauptperson sich gut entwickelt, dann ist es eine Komödie und wenn nicht, dann ist es eine Tragödie. Und alles in allem ist es eine Riesen-Dumpfheit immer noch nach diesem Muster zu erzählen, nachdem sich menschlich so viel getan hat in den letzten 2000 Jahren. Wenn auch bis heute immer wieder sehr viel Schönes gemacht wird nach diesem Muster. So dass Viele in der Film- und Fernsehindustrie und inzwischen auch wieder bei den Verlagen davon überzeugt sind, dass dieses Muster eine Art anthropologische Konstante ist – dass Geschichten, mit denen man den Homo sapiens erfreuen kann, so gebaut sein müssen und nicht anders. Mir sind mit diesem Muster auch ein paar Geschichten gelungen, die mir abgekauft wurden und auf die ich stolz war. Und trotzdem ist nichts Richtiges draus geworden – nichts aus meiner Arbeit und nichts aus mir. Heute denke ich: Weil ich nicht den Mumm hatte, mich über dieses Muster hinwegzusetzen. Weil ich nicht den Mut und nicht die Kraft hatte, meine Geschichten auf meine eigene Art zu erzählen, statt sie diesem Muster zu unterwerfen, um sie marktgerecht zu machen. Aber da ich den Mumm nicht hatte, der auch der Mumm hätte sein müssen, sich mit meiner eigenen Art durchzusetzen in dem Betrieb, hatte ich in dem Metier des Drehbuchschreibens nichts verloren, und ist es nur gut, dass ich es aufgegeben habe. Und deshalb weiß ich nun nicht, was der Traum sollte, worauf er hinaus wollte– worauf ich hinaus wollte, indem ich diesen Traum geträumt habe. – Heute Morgen habe ich eine Weile auf der Erinnerung an den Traum herumgedacht. Will ich mir etwa wieder Geschichten ausdenken? Aber ich habe den Reflex doch gar nicht mehr, dass ich zum Beispiel aufmerksam werde auf Frauen, die in allem so behandelt werden wollen wie Männer und auch so auftreten, nur in Liebesdingen nicht  – dass ich mir dann sofort eine solche Frau vorstelle oder einen Mann, der mit so einer Frau zu tun bekommt und dann verlieben die sich, und dann ist es schon mal eine romantische Komödie – und das ist gut, weil gefragt auf dem Fernsehmarkt. Dabei kommt natürlich alles auf den Konflikt an, in welchen die beiden geraten, weil sie so unbeschreiblich traditionell weiblich ist in Liebesdingen sonst aber ganz anders. Im Konflikt entfaltet sich das Thema und der Konflikt ist zugleich die Bewährungsprobe für das Paar, die es bestehen muss - mit Erfolg, damit es ein glückliches Ende gibt. Das ist das Muster, in diesem Fall der Romantic Comedy. Und das ist dann die Mühe und die Plackerei, da den Grundeinfall reinzuquetschen, so reinzuquetschen, dass alles ganz leicht wirkt und lebendig. Und wenn ich daran denke, an diese knechtische Plackerei, diesen Unfug auch des Immergleichen, da kann ich nur sagen: Wie gut, dass ich den Reflex nicht mehr habe und keine Einfälle mehr.

Im weiteren Traumgeschehen ging es um Katzen. Ich wollte mir eine Katze kaufen. 80 Euro hatte ich dabei. Die habe ich dem Typ, der die Katzen verkaufte, gezeigt. An seiner Reaktion, wie er das gezeigte Geld gierig befingerte, habe ich erkannt, dass es ein Fehler gewesen ist, es ihm zu zeigen; dass ich, hätte ich es ihm nicht gezeigt, die Katze zu einem geringeren Preis bekommen hätte. Doch Geld war dann kein Thema mehr. Denn nun stand ich vor der Entscheidung: Soll ich eine der beiden winzigen Katzen nehmen, die aber noch zu klein sind, um ein Katzenklo zu benutzen, oder soll ich eine der beiden halbwüchsigen Katzen kaufen, bei denen es sich um Kater handelt. Kater, die kastriert werden müssen. Was ich einsehe, dass das sein muss (macht man es nicht, stinkt die ganze Wohnung nach ihren Kater-Duftmarken), aber ich will nicht der Typ sein, der einen kleinen Kater kastrieren lässt. – Ich bin aufgewacht, bevor ich mich entschieden hatte. Mal wieder eine Viertelstunde zu spät aufgewacht, um es noch zum Frühschwimmen zu schaffen.

Die viel schönere, interessantere Tiergeschichte habe ich beim Frühstück gelesen: Mann, haben wir ´nen Kater. – Zu Anfang wird davon erzählt, wie der ausgewilderte Löwe die beiden Männer, die ihn in London aufgezogen haben, nach einem Jahr in der Savanne Kenias wiedersieht und sich dann in einem spannenden Moment der Ungewissheit auf die beiden stürzt – doch nicht um sie anzugreifen, sondern um sie zu umarmen. – Einer der Männer hat hinterher gesagt, dass das der schönste Moment in seinem Leben gewesen ist. Das kann ich gut verstehen, weil ich einmal etwas Ähnliches erlebt habe: als meine Katze, nachdem sie eine Woche lang vermisst war und ich schon glaubte, sie verloren zu haben, nach Hause gekommen ist und sie sich ähnlich gefreut hat, mich zu sehen, wie der Löwe, als er die beiden Männer gesehen hat. Da habe ich hinterher auch gedacht, dass das der schönste Moment in meinem Leben gewesen ist, auch wenn die Katze zu klein war, um mich zu umarmen. - Auf YouTube gibt es ein Video der Wiedersehensszene in der Savanne.. Bitte gucken und verstehen, was ich mit Umarmen meine!

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