Dienstag, 29. März 2011

Diagnose

Peter war gestern mit den Bildern der MRT bei seinem Hausarzt. Er hat nun eine erste Diagnose. Entwarnung. Der Knubbel ist ein geschwollener Lymphknoten. Kein Lymphknotenkrebs. Nur geschwollen. Eine Biopsie soll letzte Gewissheit bringen. Doch jetzt schon kann Peter sich mal fragen, ob es nicht noch andere Möglichkeiten gibt, mit seiner Lebenskrise umzugehen, als sie zu somatisieren über dramatische Darmprobleme (*), Lymphknotenschwellung, Nasenbluten und: Krebsangst. Mehr als drei Monate war er überzeugt davon, Krebs zu haben, den hochaggressiven Halsknubbelkrebs, bei dem man es sich bekanntlich schenken kann, ihn diagnostizieren und behandeln zu lassen, da es sowieso keine Rettung gibt und man sich die verbleibende Lebenszeit nicht von Ärzten verderben lassen sollte.
(*) Die Psychosomatiker spielen gerne mit Analogien. Zum Beispiel: Jemand hat einen chronischen Katarrh. Er hat die Nase voll. Buchstäblich und wie sich dann bei näherem Hinsehen zeigt auch sonst in seinem Leben. – Peter hatte eine Art explosionsartigen Durchfall, der jeweils so plötzlich kam, dass er es nicht mehr zum Klo geschafft hat. Wochenlang hat er sich regelmäßig in die Hosen geschissen. Analogie? – Er macht sich in die Hosen. / Er hat die Hosen voll. Vor Angst. - Weil sein bisheriges Leben nicht mehr funktioniert? Vor den Veränderungen, die seine Lebenskrise ihm abverlangt?

Gestern Abend konnte er sich gar nicht richtig freuen über die gute Nachricht. Wie ein mäkeliger Kunde, hat er gefragt, warum man ihm bei der Operation seines Zungenbodenkarzinoms nicht alle Lymphknoten im Hals entfernt hat. – Ich habe mich mehr gefreut über die gute Nachricht als er. Wir sprechen zur Zeit immer wieder darüber, dass er so gerne in seine Vergangenheit zurückgeht, sich erinnert, Kontakt mit Leuten aufnimmt von früher. Während mich nur die Gegenwart interessiert und ich Leuten von früher lieber aus dem Weg gehe. Unser zweites großes Thema ist Veränderung. Mein zweites großes Thema. Bei meinem Bemühen, ihm Mut zu machen. Krise als Chance etc. - Am Sonntag beim Einreden auf ihn nebenbei eine plausible Erklärung dafür gefunden, warum ich so alleine dastehe. – Die trage ich hier noch nach oder ich schreibe sie auf im BzB-Posting von heute. Über die gute Nachricht vom Arztbesuch Peters. Und wenn ich es dann bitte schaffen könnte im Text, von der Beschäftigung mit Peter zur Beschäftigung mit mir zurückzukommen. – Wachsendes Unbehagen an meiner überlegenen Ratgeberrolle. Dein Leben ist völlig in Unordnung, hat mir neulich eine nahestehende Person geschrieben und ich konnte nicht widersprechen. Ein Ratschlag, wie ich es ändern könnte, war dem nicht beigefügt. Wahrscheinlich aus der Überzeugung, dass ich das selbst herausfinden muss. Und ist es so nicht auch bei Peter?

Das Posting über Peter heute noch. Mit dem Übergang von seinem Elend zu meinem Elend. – Und wenn ich es dabei bitte schaffen könnte, vom Gedanklichen weg zum Anschaulichen zu kommen. Das ist nämlich auch so eine der Verirrungen der letzten Wochen im Schreiben des Blogs. Der Feuilletonismus. Das Überhandnehmen der Peter-Geschichte. Die viel zu vielen Gedanken.

Peter soll seine Geschichte selbst weiter erzählen. Er soll sich ein neues Fotoprojekt überlegen. So was wie Nackte Wände oder etwas ganz anderes. Die Fotos veröffentliche ich dann im Blog. Ausgewählte Fotos der Nackte-Wände-Serie werden übrigens nächsten Monat bei einer Langen Nacht der Museen in Mannheim ausgestellt, in der Alten Feuerwache. Auch darüber habe ich mich mehr gefreut als er.

Später: Lasse den Text stehen trotz Übernahme mehrerer Passagen in das BzB-Posting. Die Hinwendung im Text zu mir hat nicht geklappt. Reicht, dass ich den Peter-Erzählstrang für beendet erklärt habe. Mal gespannt, ob ich das durchhalte.

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