Jetzt hat sie angefangen, die Woche: Liljana erreicht, Friederike erreicht und Taewoo macht weiter – mit Zicken? Mail von ihm, in der er mich bittet um einen Gefallen. Welchen, spricht er nicht aus. Aber es ist klar, es ist das, worum er mich in seiner Mail von letzter Woche um Verständnis gebeten hat. Verständnis wofür? Das hat er auch nicht ausgesprochen. Das soll ich mir aus dem Zusammenhang erschließen. Er möchte, dass ich das letzte Posting über ihn lösche. Er ist Maler. Er übermalt alle Nas lang ein Bild und malt es dann neu oder malt ein ganz anderes Bild. Er denkt, das ist bei mir im Blog ebenso. Er weiß nicht, dass es das noch nie gegeben hat hier, dass ich ein Posting lösche, und wenn ich es täte, dass ich dann den Lesern erklären müsste, warum. Erste Komplikation. – Aus zwei Gründen bittet er mich um Verständnis und um den Gefallen, das Posting zu löschen. Er will nicht, dass seine Lebensverhältnisse beschrieben werden (Doppelleben als Künstler und als jemand, der seinen Lebensunterhalt verdienen muss), weil ihm dadurch existenzielle Nachteile erwachsen können, wie er fürchtet. Nachteile? Wegen seiner Befürchtung lasse ich es im Vagen, was für Nachteile das sind und von welcher Seite ihm die Nachteile erwachsen könnten; das Finanzamt ist es nicht. Außerdem will er nicht, dass seine ironische Polemik gegen einen Kollegen, mit der er dessen Arroganz gekontert hat, breitgetreten wird. Ginge es nur um den ersten Punkt, könnte ich denken, er ist eben ängstlich und ist das nicht verständlich? Ich könnte die seine Existenz betreffenden Sätze in dem Posting streichen; das würde dann zwar aussehen, als hätte sich ein nasser Hund in dem Text gewälzt, aber wenn ich das in einer Fußnote erkläre, dass es wegen der Existenzangst Taewoos geschehen ist, würde das jeder Leser verstehen. Nun will er aber auch noch den zweiten beschriebenen Sachverhalt: Arroganz des Kollegen und ironische Polemik dagegen entfernt haben. Damit bliebe von dem Text nichts mehr übrig. Das ist die zweite Komplikation. Denn nun frage ich mich, ob es ihm in Wirklichkeit gar nicht um das eine und auch nicht um das andere geht, sondern darum, dass ihm der ganze Text nicht passt. Die Art nicht passt, wie ich über ihn geschrieben habe – voller Sympathie und mit Einfühlung in seine Lebensverhältnisse und seine Künstlerrolle, aber eben auf meine Art und die passt ihm nicht? Frage. Eine Antwort darauf werde ich nicht kriegen. Also halte ich mich an die Gründe, die er nennt. Erster Grund: Existenzielle Nachteile, die er fürchtet. Ich habe einer Expertin für die Existenzform Taewoos Mails gezeigt. Ihre Meinung: Seine Angst ist unbegründet. Seine Haltung kleinkariert. Da ich aber selbst ein ängstlicher Mensch bin und hinterher nicht dastehen möchte als verantwortlich gemacht dafür, wenn er eines Tages die befürchteten Nachteile erleiden sollte, bin ich bereit über diesen Punk zu verhandeln. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass er die Nachteile wegen meinem Blog erleiden wird. Wenn er sie erleidet, dann deshalb, weil ein Angehöriger der Organisation, die nicht das Finanzamt ist, zufällig in der Kneipe neben ihm steht und hört, wie Taewoo gerade über seine Doppelexistenz redet und daraufhin eine Prüfung von Taewoos Doppelexistenz veranlasst, aus der dann die Nachteile erwachsen. Unwahrscheinlich? Sicher. Aber es ist immer noch wahrscheinlicher, als dass ihm die Nachteile durch mein Posting über ihn erwachsen. Und alles zusammen ist es das, was Uliane, die oben zitierte Expertin mit kleinkariert meinte. Egal. Wegen seiner Ängstlichkeit und meiner Ängstlichkeit ist dieser Punkt verhandelbar. Der andere Punkt jedoch nicht. Er hat etwas mir erzählt, er hat es Uliane erzählt, sie hat es wiederum mir erzählt. Er hat etwas in die Welt gesetzt, da steht es, darüber habe ich geschrieben. Jedes Wort ist belegt. Der Text ist weder beleidigend noch verunglimpfend, er ist geschrieben in erkennbar bester Absicht. Er sei eben bressonisch, schreibt er mir in der Mail von heute. Bressonisch kommt von Robert Bresson, dessen Werk wir beide verehren. In Bressons Film L´Argent gibt es eine Mordszene. Bresson zeigt sie, indem er die Kamera auf eine Wand hält, auf die Blut spritzt und aus dem Off hören wir die Geräusche der Bluttat. Das ist genial. Weil es das Grauen in die Imagination des Zuschauers verlegt, anstatt es platt abzubilden. Das ist bressonisch. Und Taewoo ist auch bressonisch, wenn er zu etwas, das er gesagt hat, nun nicht mehr stehen will?
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