(Aus einem verworfenen Text von gestern)
( ... ) Am Sonntagmorgen) habe ich einen Artikel gelesen von einem Mann, der im Auftrag der New York Times Haruki Murakami in Tokio besucht hat. Darin wird eine Erzählung Murakamis aus den frühen 80er Jahre erwähnt: On Seeing the 100 % Perfect Girl One Beautiful April Morning . Habe ich vor vielen Jahren in einer deutschen Übersetzung gelesen. Aus aktuellem Anlass lese ich sie noch einmal in einer englischen Übersetzung, die ich im Internet finde. Der aktuelle Anlass ist, dass die Leserin, die gefragt hat, was ist eigentlich mit dem Roman – dem Roman, in dem sie die weibliche Hauptperson ist –, dass sie mir von Anfang an als das 100 % perfect girl erschienen ist. Perfekt im Sinne der Murakami-Erzählung. Das heißt, nicht perfekt für jedermann, nicht makellos attraktiv, nicht alles überstrahlend - perfekt das Mädchen an dem schönen Aprilmorgen für den Ich-Erzähler in der Murakami-Geschichte und perfekt für mich die Frau, die Leserin, die gefragt hat nach dem Roman. Und während ich nun weitergehe, die Kreuzung am Kleistpark überquere in Richtung Steinmetzstraße, frage ich mich, ob sie das immer noch ist für mich, das 100 % perfect girl. Oder ob durch das, was geschehen ist, seit ich sie an einem Februarmorgen gesehen habe und dachte, da ist sie, das 100 % perfekte Mädchen für mich, ob durch all das, was ich inzwischen weiß – nicht von ihr, von ihrem Leben –, ob dadurch das unwahrscheinliche Glück, das für mich 100 % perfekte Mädchen getroffen zu haben – ja was? Bei Murakami endet es traurig. Als dem Ich-Erzähler endlich einfällt, was er zu ihr sagen soll, da ist sie verschwunden. She´s lost in the crowd. Unwahrscheinlich, dass er noch einmal das Glück haben wird, ihr zu begegnen. Traurig, nur noch traurig ist auch die Geschichte von mir und meinem 100 % perfect girl. Nur zu Ende ist sie noch nicht. Soll ich sie zu Ende schreiben? Soll ich die Murakami-Erzählung verwenden als Folie, um das Unglück zu beschreiben, in dem mein Glück endete, das 100 % perfect girl getroffen zu haben? Für wen? Wozu? Wer will das wissen? Warum im Unglück verharren, indem ich es ausmale, statt mich aus dem Unglück raus zu schreiben? Wie? – Das war die Stelle, an der die Gedanken begannen, mit denen ich mich dann runtergezogen habe in die schwere Melancholie am Sonntag. Sie hatten, wie bereits erwähnt, mit dem Unglück mit dem 100 % perfekten Mädchen nur mehr insofern zu tun, als sie von dem Brüten über dieses Unglück ihren Ausgang genommen hatten. Und weil das Unglück ein scheußliches Unglück ist, nicht einfach nur das Unerfülltsein einer Glückserwartung, sondern ein Unerfülltsein unter den scheußlichsten Umständen, deshalb haben mich die vom Brüten darüber ausgehenden Gedanken so tief heruntergezogen. Deshalb habe ich am Sonntag geschrieben über die Melancholie und heute, wie es zu ihr gekommen ist, um nicht zu schreiben über die scheußlichen Umstände des Unglücks, zu dem meine Begegnung mit dem 100 % perfect girl geführt hat.
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