Donnerstag, 2. Juni 2011

Hässlich

Überraschender Anruf Peters am frühen Abend. Er hat nach dem endoskopischen Eingriff zur Verödung der Varizen im Magen die Klinik auf eigene Verantwortung verlassen; der Termin für die zweite, die große Operation ist erst Mitte nächster Woche. Erzählt er und dann, zweitens: Was ich ihm geschrieben habe in der Mail am Montagabend, in der ich ihm mitgeteilt habe, dass ich den Kontakt zu ihm abbrechen werde. Worüber ich mich aufgeregt habe, da hat er nicht gelogen, erklärt er und schildert dann mit einer für ihn untypischen Klarheit, wie ihm der Befund für die Knubbel mitgeteilt worden ist. Erst hatte er es so verstanden: keine Metastasen und daraus hat er geschlossen, die Knubbel sind nicht bösartig, da die Wucherung nicht streut. Dann hat er in einem Arztbrief, den sie ihm mitgegeben haben, gelesen: Va Lymphknotenkarzinom. Va = Verdacht auf … . Als er die Ärzte in der Klinik darauf angesprochen hat, haben sie ihn beruhigt, zugleich aber auch in Aussicht gestellt, dass zur Sicherheit nach der Operation bestrahlt werden soll und er vielleicht auch noch eine Chemotherapie machen muss. Das der Stand. So kam es. Dann wirft er mir vor, dass ich auf einem hohen Ross sitzen würde. Das weise ich – kleinlaut – zurück und erkläre, dass ich Anteil an seinem Leben nehme und dass ich mir verarscht vorgekommen bin, und deshalb die Schnauze voll hatte von ihm. Damit gibt er sich zufrieden. Ich sage, kleinlaut: Gut, dass du mich angerufen hast. – Er sagt, lachend: So leicht kriegst Du mich nicht los. – Da muss ich auch lachen und er ist versöhnt. Damit zeigt er sich wieder einmal von einer seiner besten Seiten. In dieser Hinsicht sind wir uns ähnlich, seelenverwandt. Ich bin auch so leicht zu versöhnen wie er. Und ich fühle mich jetzt auch erleichtert, weil der Konflikt beigelegt ist. Unbehaglich wegen der hässlichen Szene, die ich ihm gemacht habe in meiner Mail und am Tag darauf im Blog, fühle ich mich aber immer noch. Es ist das hässlichste Posting, das ich je geschrieben habe. Eingeleitet mit dem Nachtrag zu Tim, der nicht anders zu verstehen ist denn als ein Nachtreten. Mehrfach überlegt, ob ich den Text löschen soll, schließlich habe ich ihn stehen lassen auch als Dokument des Tages und des heillosen Zustandes, in dem ich an dem Tag war: Gestört war ich, völlig gestört, und dabei habe ich mich von einer meiner schlechtesten Seiten gezeigt, indem ich auf Unbeteiligte losgegangen bin. Meine Wut und meinen Ärger an ihnen ausgelassen habe. Stellvertretend. Ganz mieses Verhalten. Hässlich! – Auch wenn es stimmt, was ich über Tim geschrieben habe, auch wenn ich mich verarscht gefühlt habe von Peter, die Szene, die ich ihm gemacht habe, war unverhältnismäßig und das über Tim hätte ich auch großzügig weglassen können. Das einzig Gute an dem Ausfall gegen Peter war, dass ich nun nicht mehr den Dialog mit ihm hätte fortsetzen müssen. Uneingestandene Absicht hinter dem Ausfall. Mein Überdruss an den langen Telefongesprächen mit ihm am frühen Abend, bei denen er jedes zweite Mal angeknallt ist. Meine Aversion gegen das Schmierentheater, das er aufführt mit seiner aufgesetzten Lakonie und Gelassenheit. Dabei scheißt er sich vor Todesangst in die Hosen und traut sich nicht, seinen Ärzten Fragen zu stellen, will es lieber nicht so genau wissen, und deswegen ist es auch zu dem Missverständnis gekommen, das zu meinem Ausfall geführt hat. Auch deshalb habe ich mich angelogen und verarscht gefühlt von ihm, weil ich mir das nicht vorstellen kann, dass man in seiner Lage sich nicht jederzeit Klarheit verschafft im Gespräch mit den behandelnden Ärzten. Dazu kommt noch, dass er eine Art Notabitur gemacht, keine Grundlagen der Biologie gelernt hat und daher nicht in der Lage ist, den Ärzten intelligente Fragen zu stellen, um sich ein Bild zu machen von dem, was mit ihm los ist. Sowieso schon körperdumm (sonst hätte er sich nicht in diesen Zustand gebracht), jetzt auch noch seine Dummheit im Umgang mit den Informationen über seine Krankheit. Und da nun Anteil nehmen (müssen) an dieser Krankengeschichte, mich in seinen Zustand hineinversetzen, der auch ein Zustand von Dummheit ist. Das habe ich ihm – in einer abgemilderten Version – gesagt, dass das eben auch noch im Spiel war bei meinem Ausfall gegen ihn und angedeutet, dass ich mich davon befreien wollte, indem ich den Kontakt zu ihm abbreche. Es ist mir nicht gelungen. So leicht kriegst du mich nicht los, hat er gesagt.

Zum Thema körperdumm noch: Eben (12,20 Uhr) habe ich gerade die vierte Zigarette des Tages geraucht.

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