Empfindungsloses Draufhalten. Ein Meister des Draufhaltens hat die Empfindungslosigkeit impassibilité genannt und sie als literarisches Verfahren kultiviert. Bei Peter habe ich – trotz freundschaftlicher Gefühle – empfindungslos draufgehalten. Und aufgehört damit nur, weil mich sein Alkoholismus als Thema nicht interessiert hat und ich entdeckt habe, dass das sein eigentliches Thema ist. Sein anderes Thema (zusammenhängend mit dem Alkoholismus?) ist das Lügen. Jetzt die Lügengeschichte mit der kolumbianischen (nicht spanischen) Kunststudentin, die er im KDW kennengelernt hat Anfang letzter Woche und am Samstag getroffen zum Mittagessen um 12 Uhr in einem Restaurant, wo sie bis 18 Uhr, also 6 Stunden lang, gesessen und geredet haben, wie er erzählt. Er hält an der Geschichte fest, was soll er auch sonst machen? Soll er sagen, also gut, du hast mich ertappt, ich gebe es zu, ich habe dir einen Tagtraum erzählt, der zugleich eine Kritik an dir war und mit dem ich dich neidisch machen wollte. Das wirft er mir so oft vor, dass ich neidisch auf ihn bin, dass es nicht anders sein kann: er wünscht sich, dass ich ihn beneide. Es kann natürlich auch sein, dass ich mich täusche. Es ist unwahrscheinlich, aber eine geringe Wahrscheinlichkeit gibt es. Die muss ich in Betracht ziehen. Und das bedient er, indem er nicht nur festhält an seiner Geschichte mit der Kunststudentin, sondern sie nun unterfüttert mit Details: der Cheddar-Käse, den er im KDW gekauft hat, das Budweiser, das er dort getrunken hat zum Preis von 4 Euro 10 (er, der sagt, Bier sei eklig, und Weißwein bevorzugt, von dem man auch viel schneller besoffen wird) und dann war da die Kolumbianerin, hat wahrscheinlich auch Budweiser getrunken oder doch lieber ein Bit? Sie kamen ins Gespräch, er hat sie fotografiert, sie ihn, er hat ihr seine Wände-Fotos gezeigt, sie will sie ihrem Professor zeigen an der Kunsthochschule, und am Samstag wollte sie ihn treffen … . Er schickt mir sogar die Mail-Adresse von ihr und die Weiterleitung einer Mail, die sie an ihn geschrieben hat. In einem so malerisch falschen Deutsch, dass es zu viel ist. - Er bietet mir an, ihr zu schreiben und mir von ihr bestätigen zu lassen, dass sie ihn getroffen hat. Ich sage, er soll mir ihre Telefonnummer geben, sonst glaube ich es nicht. Die gibt er mir allerdings nicht. – Was für ein Blödsinn! Hat der nichts anderes zu tun, als mir seine Lügengeschichte zu verkaufen? Habe ich nichts anderes zu tun, als mich damit zu beschäftigen. Wahr oder gelogen ist doch egal. Gönne es ihm doch, seinen Tagtraum dir gegenüber als Realität auszugeben und in dem Moment, da er es erzählt, selbst daran zu glauben. Offensichtlich gelingt mir das nicht. Nicht aus Kleinlichkeit, sondern weil es interessanter ist dagegen zu halten: Peter, hör auf! Es ist peinlich, was du erzählst. Ich weiß, dass du lügst. – Dem Lügner seine Lüge nicht durchgehen lassen. Was macht er dann? Peter legt nach mit seiner kleinen Phantasie. Baut die Lüge aus wie ein Haus, Zimmer für Zimmer. Ist das der Ursprung des fiktionalen Erzählens? Der Tagtraum, der als reales Geschehen weitererzählt wird. Einer erzählt von dem Säbelzahntiger, der ihn verfolgt hat, und vor dem er sich nur retten konnte, indem er auf einen Baum geklettert ist. Doch dann – Wendepunkt zu Ungunsten des Helden – hat sich der Tiger unter den Baum gelegt, will nicht eher weichen, als bis ihm die Beute vor die Tatzen fällt. Da hat er jetzt gesessen, der Erzähler, im Geäst des Baumes. Da hat er wirklich gesessen und geträumt und sich dabei seine Geschichte ausgedacht, mit der er den Angehörigen seines Stammes nun erklärt, warum er so lange weggeblieben ist. Es war dann nämlich so, dass es einen drei Tage und drei Nächte währenden Kampf gab zwischen dem Tiger und ihm, in dem es darum ging, wer zuerst einschlafen würde, ob er auf dem Baum da oben, in Gefahr, dann herunterzufallen dem Tiger vor die Tatzen, oder der Tiger, so dass er da oben leise heruntersteigen und auf Zehenspitzen an dem schnarchenden Tiger vorbei entkommen kann. Immer noch lebensgefährlich, aber seht, hier bin ich. Ich habe es geschafft. – Der Säbelzahntiger. Die schöne Fee. Das Erdmännlein, so klein, dass ihr es euch gar nicht vorstellen könnt. Was einem im Wald so alles begegnet. – Das Träumen, das Lügen. Die Kritik des Lügens. Aber geträumt wird weiter. Der einsame Mann, der sich nichts Schöneres vorstellen kann im Leben als jeden Tag Seiten zu füllen mit seiner Schrift, träumt von einer Leserin von Schundromanen. Voller Sehnsucht nach Gefühlen, die ihr das Leben vorenthält in der Provinz, an der Seite eines Mannes, der das Gegenteil der Männer in den Romanen ist. Doch das ist noch keine Geschichte. Eine Geschichte wird es erst, wenn ihr Wunsch in Erfüllung geht, wenn sie so einem Mann wie in den Schundromanen begegnet und mit ihm ihren Traum lebt. Und eine wahrhaftige Geschichte wird es, wenn es ein böses Erwachen gibt aus dem Traum. Und dann das Rattengift und elende Verrecken. Impassibilité. Tagtraum eines Lesers, der es als Autor besser machen will. Nicht der Wunsch, die Wirklichkeit zählt. Aber auf den Wunsch kommt es weiter an. Ohne Wünschen kein Erzählen? The World Is Not Enough (Titel eines James-Bond-Films). Das Leben ist auch nie genug. Warum eigentlich nicht? – It is only shallow people who do not judge by appearances. The problem of the world is the visible, not the invisible. Ausgerechnet Oscar Wilde. Aber da geht es nicht ums Erzählen, da geht es ums Verstehen. In place of a hermeneutics we need an erotics of art. Susan Sontag, auch eine Leserin. Lausige Romanautorin. Brillante Erzählerin von Lektüren. Das ist es auch nicht. – Erzählen ohne zu lügen. Wünschen ohne zu träumen. Geht das? Der Wunsch ist, zu erzählen ohne zu lügen, ohne die Verstrickung ins Lügen durch das Träumen.
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