Montag, 25. Juni 2012

Überstürzt 4




Trotzdem ist die Abneigung nicht entstanden, weil er mich nicht genug beachtet hat. Sie war von Anfang an da. –   Sind Sie der Künstler? – Ja. – Darf ich Sie fotografieren?  - Ja. – Erstes Foto. Mit dem Galeristen im Hintergrund, im Dialog mit einer bürgerlichen Frau. Als ich da kurz zuvor vorbei gegangen bin, waren es noch zwei bürgerliche Frauen und ich habe gehört, wie der Galerist zu ihnen sagte, dass er aus Ulm kommt. Da er mit den beiden Frauen über die Ausstellung gesprochen haben dürfte, ist nicht anzunehmen, dass er ihnen seinen Lebenslauf erzählt hat, er wird ihnen erzählt haben, wie und wo er den Künstler entdeckt hat. Vermutlich bei einer von dessen Ausstellungen in Donaueschingen, Stuttgart oder an einem anderen süddeutschen Ort, der für den Galeristen nicht so aus der Welt ist wie für die beiden bürgerlichen Berliner Frauen, weil er selbst aus Süddeutschland kommt und dort immer mal wieder ist.

Nach einem ersten Rundgang hatte ich mir die ausgelegten Materialien angeschaut: das Blatt mit dem ambitionierten Galerietext, verfasst nicht vom Galeristen, sondern von einem Mann mit dem Namen Tido von Oppeln; die dreiseitige Preisliste mit Abbildungen der ausgestellten Arbeiten; mehrere Kataloge von den Ausstellungen des Künstlers in Süddeutschland. In einem blätterte ich gerade, als ich jemand hinter mir sagen hörte: Blättern Sie mal zurück! – Nach einem Blick über die Schulter, um zu schauen, wer das gesagt hatte, blätterte ich zurück. – Noch weiter!  - Ich blätterte noch weiter zurück und hörte dann, wie der Mann über das Regal sprach auf der Abbildung in dem Katalog, und als sein Gesprächspartner weggegangen war, habe ich ihn gefragt, ob er der Künstler ist.

Später habe ich mir überlegt, ob seine Aufforderung zurückzublättern die Abneigung in mir ausgelöst hat. Sie war großkotziges Verhalten. Aber in dem Augenblick habe ich es nicht so empfunden, sonst wäre ich der Aufforderung nicht gefolgt. Ich war amüsiert und neugierig, wer das war, der sich so verhielt. Die Abneigung ist erst entstanden, als ich ihn sah. Ausgelöst davon, dass mir sein Gesicht nicht gefallen hat. Das ist nicht hinterfragbar, bedarf keiner Rechtfertigung. Manchmal wird der erste Eindruck konterkariert beim Näherkennenlernen einer Person. Beim Künstler war es so, dass ich das erste Zeichen meiner Abneigung – dass mir sein Gesicht nicht gefallen hat – als Signal hätte nehmen sollen: Das wird nichts! Geh dem aus dem Weg! – Am Ende ist eine Abneigung nur dazu da, dass sie uns fernhält von jemandem. Und mal angenommen, dem Künstler ist es gegangen wie mir: ihm hat mein Gesicht auch nicht gefallen oder wie ich mit ihm geredet habe oder mich aufgeführt habe mit meiner kleinen Kamera und meiner Karte, die ich ihm gegeben  habe, mit meiner Blogadresse. Also angenommen, es hat ihm etwas an mir so sehr nicht gefallen, wie mir sein Gesicht nicht gefallen hat, dann hat er – anders als ich – das Alarmsignal beachtet, hat die erste Gelegenheit genutzt, mich stehen zu lassen, als er unser Gespräch unterbrach, um jemanden zu begrüßen, mit dem er dann keine drei Sätze redete, sich darauf aber gleich dem Mann mit den roten Hosen, der älteren und der jüngeren Frau zuwandte und schließlich dem hageren Mann. Und auch wenn er diese Gespräche nicht führte, um mich loszuwerden, musste er allmählich das Gefühl kriegen, dass er mich einfach nicht los wird, als ich nicht aus seiner Nähe wich. Dass ich ihn etwas fragen wollte, wusste er nicht. Er sah nur einen Mann, der sich fortwährend in seiner Nähe aufhielt und immer wieder seine Kamera auf ihn richtete. Ist es da denn nicht verständlich, dass er das nicht mehr mitmachen will und er zu mir sagt, dass es ihm unangenehm ist und ich damit aufhören soll? Und nicht einmal großspurig wie bei seiner Anweisung an mich, in dem Katalog  zurückblättern, sagt er das. Er sagt es bestimmt, aber nicht herrisch, und wirbt noch um Verständnis, als er hinzufügt: Es muss möglich sein, das zu sagen. Und ich? Reagiere empfindlich. Bin verletzt. Aber gerade selbst schuld daran, weil ich – anders als er – das Alarmsignal nicht beachtet habe, als mir sein Gesicht nicht gefallen hat. Jetzt weiß ich, warum. – Muss ich es weiter erklären?  – Ja. – Mir hat sein Gesicht nicht gefallen, weil er jemand ist, mit dem mir so etwas  passieren kann, wie es mir dann passiert ist. Eine weitere blöde Geschichte, immer das Gleiche. Nein, in diesem Fall nicht. Dieses Mal gibt es was zu lernen. Wenn du eine Abneigung gegen jemanden hast, stelle ihm keine Fragen und lauf ihm nicht mit der Kamera hinterher. Es sei denn, du willst ihn ärgern oder vorführen. Aber hätte ich das gewollt, hätte ich mich nicht hinterher so angestellt und nun so lange daran herumgeschrieben, bis es endlich gut ist. Jetzt ist es gut. 

Sonntag, 24. Juni 2012

Überstürzt 3

Marcel Frey, Ohne Titel, Holz, 240 x 192 x 35 cm, 2012; € 5.400,- 


Und wenn ich ihm meine Frage hätte stellen können, wenn er mich einbezogen hätte in das Gespräch mit dem hageren Mann über seine Installation, statt mich wegzujagen? – Dann hätte mir sein Gesicht immer noch nicht gefallen. Dann hätte ich es mir aber nicht eingestanden, so dass es gar nicht zum Thema geworden, nichts gewesen wäre, das hätte ausgesprochen werden müssen. Stattdessen hätte ich mir die Mühe gemacht, von meinen Fotos eines auszuwählen, auf dem ich ihn noch am sympathischsten gefunden hätte. Vielleicht hätte ich auch, während wir unser Gespräch fortsetzten, noch ein besseres Foto von ihm gemacht. Aber es war nun einmal so, dass er das Gespräch mit mir nicht fortsetzen wollte, und so wäre es das beste aller Szenarien gewesen, wenn ich die Szene an Ort und Stelle so aufgefaltet hätte, wie ich es erst nachträglich im Blog getan habe – indem ich ihm entgegengehalten hätte, was ich dort geschrieben habe über das tatsächlich Unangenehme zwischen ihm und mir. Aber dazu war ich nicht geistesgegenwärtig genug. Aber für so eine Szene bin ich zu eitel, zu stolz, zu angepasst. Aber dazu kam es mir zu gelegen, dass er mich verjagen wollte. Weil ich nun meine Abneigung gegen ihn zum Ausdruck bringen konnte, was viel einfacher war, als es gewesen wäre, ihn als sympathisch darzustellen.

Und welches Foto von ihm hätte ich ausgewählt?




Das.



Kunst: Ó Marcel Frey. 

Samstag, 23. Juni 2012

CSD

Potsdamer Platz, 16:01. Rechts geht es zur Parade.


Donnerstag, 21. Juni 2012

Zuckmayer-Brücke

Fahrradunfall. Wie ist das passiert? Frau sitzt auf dem Boden, ein Mann und zwei Frauen bei ihr. Der Mann sagt: Sie müssen im Krankenhaus untersucht werden. Sie haben eine Kopfplatzwunde. - Jetzt sehe ich es: Blut im Scheitel. Die Frau benommen. Bloß nicht stehenbleiben! Nicht zu einem Gaffer werden, den die Frau sieht, wenn sie sich gleich verwirrt umblickt.

Samstag, 16. Juni 2012

Marlboros

Auf dem Rückweg hat es aufgehört zu regnen und ich begehe eine strafbare Handlung. Aber es ist nicht Verführung Minderjähriger. Es ist eine Beihilfe. Aber nicht zur Verführung Minderjähriger. Verführt sind die beiden Mädchen schon, die in der Winterfeldtstraße vor mir hergehen. Freundinnen. Das ist zu erkennen daran, dass sie gleich angezogen sind: schwarze Leggings (wann wird es endlich heiß?) und beige Jäckchen. Die eine größer und schlank, die andere füllig. Die Größere dreht sich nach mir um und ich denke noch, warum hat das Mädchen sich jetzt nach mir umgedreht, da bleiben sie stehen und die Kleine spricht mich an: Ob ich Zigaretten für sie kaufen kann, fragt sie. In dem Laden dort, ein Haus weiter. Marlboros. Sie hat einen Fünf-Euro-Schein in der Hand. Ich sage, ohne eine Sekunde zu überlegen: Ja, mache ich. Und dabei weiß ich schon, dass das nicht richtig ist juristisch und gesundheitspolitisch auch nicht. Und so schaue ich die beiden auch an, als ich den Geldschein nehme und frage: Ganz normale Marlboros? Keine Lights oder so, meine ich damit. - Normale Marlboros, antwortet die Große und die Kleine lächelt. Als ich mit dem Päckchen Zigaretten zurückkomme, haben sich die beiden in einen Hauseingang gestellt. Sie fragen mich, ob ich eine Zigarette haben möchte. Ich sage, nein danke, ich gewöhne es mir gerade ab. Ich auch, sagt die Große. Ich lache und gehe weiter. Nach ein paar Schritten drehe ich mich um und frage: Wie alt seid ihr? - Fünfzehn, sagt die Kleine und die Große sagt: Ich bin sechzehn. - Das glaube ich nicht. Je länger ich sie angucke, desto mehr sieht sie aus wie vierzehn. Die Kleine wiederholt: Ich bin fünfzehn. Und sie sagt es so, als wolle sie sagen: Wir sind fünfzehn. Ihr glaube ich.